320 Einundzwanzigstes Buch. Drittes LKapitel.
Überblicken wir jetzt die Schicksale der drei größten Staaten—
bildungen in der norddeutschen Tiefebene um 1700, so sehen
wir wohl, in wie merkwürdiger Übereinstimmung sie sich in
einer ganz eigenen Richtung entwickelt hatten: ihre Herrscher
waren überall zugleich in einem anderen Lande Könige ge—
worden; so die Brandenburger in Preußen, die sächsischen
Kurfürsten in Polen, die hannoverschen in England; als
Präzedenzfall zu dieser Entwicklung ließe sich höchstens an—
führen, daß die österreichischen Herzöge — der Tat nach auch
noch vor gar nicht so langer Zeit — Könige von Ungarn ge⸗
worden waren.
Freilich, eben dies Beispiel, falls es herangezogen werden
darf, zeigt, daß die Erwerbung der Königskrone in den ver—
schiedenen Fällen doch von sehr verschiedener Bedeutung war.
Die Kurfürsten von Sachsen sind nur von 1697 bis 1763
zugleich auch Könige von Polen gewesen; Hannover ist um
zwei Menschenalter später außer Zusammenhang mit England
geraten. Österreich-Ungarn aber bildet noch heute eine einzige
große politische Macht, und auf der Verbindung Brandenburg⸗
Preußens unter der Königskrone hat sich das heutige Deutsche
Reich aufgebaut. Unter den norddeutschen Staatsbildungen
hat sich damit die brandenburgisch-preußische auf die Dauer
als besonders beständig erwiesen, und das Beispiel Osterreichs
zeigt wenigstens zum Teil, daß der Hauptgrund für diese
Entwicklung gegenüber den anderen Mächten darin beschlossen
lag, daß Preußen von Brandenburg nicht zu fern lag, und daß
es sich mit ihm zu einem staatlichen Systeme verbinden ließ.
Es waren Momente, die schon in der spezifisch norddeutschen
Geschichte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die Dauer
nicht ohne Bedeutung bleiben konnten.
Im übrigen aber war diese Geschichte nicht bloß durch
das Schicksal und die spezifischen Kräfte der bisher geschilderten
Länder und auch der anderen deutschen Länder bedingt: daneben
kamen vielmehr die nord- und nordosteuropäischen Mächte
überhaupt in Betracht. Eine Tatsache von schwerwiegendem
Gewichte, die sich fir Polen und Rußland daher erklärt, daß