6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 177
— gerade auch unter bevölkerungspolitischen Gründen .— wieder
die Freiteilbarkeit der Güter befürwortet, weil man gerade davon
große Fortschritte im Anbau erhoffte: „Betrachtet man die Produktenmasse
des Landbaues mit der gesamten Bevölkerung eines Landes,
so ist bei der Unteilbarkeit der Güter umso eher eine Übervölkeruug
möglich, als der Anbau des Bodens nicht in dem Maße mit
der Bevölkerung vorrückt, als dies bei der Möglichkeit der Verteilung
der Güter der Fall ist“!). Aber ganz gleichgültig, ob die
eine oder ob die andere Auffassung zutrifft, so müssen wir für diese
Zeit jedenfalls als Folge der starken Volkszunahme eine Verkleinerung
der ländlichen Besitzungen feststellen, die natürlich die
Lage der ländlichen Bevölkerung ungünstig beeinflussen mußte,
Denn größere Fortschritte sind damals im Landbau bei der bäuerlichen
Bevölkerung kaum eingetreten.
Wenn man all das berücksichtigt und an die damals so geringfügigen
Fortschritte von Gewerbe und Handel in Deutschland denkt,
so kann man für diese Zeit für Deutschland unbedingt von Übervölkerungserscheinungen
sprechen. War doch die Volkszahl in
Deutschland von 1816—1835 von 24,83 auf 30,94 Millionen gestiegen.
Damit hängt es auch zusammen, daß in dieser ganzen Zeit in Deutschland
zahlreiche Schriften erschienen, die sich mit den Fragen von
Armut und Bevölkerung befaßten ?). Im Jahre 1836 erließ z. B. die
k. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt ein Preisausschreiben:
„Ist die Klage über zunehmende Verarmung und
Nahrungslosigkeit in Deutschland gegründet, welche Ursachen hat
das Übel und welche Mittel bieten sich zur Abhilfe dar“ ®)?
Hatten wir es bis jetzt mehr mit allgemeinen Gründen von Not
und Armut zu tun, so beginnt um die Mitte der vierziger Jahre
N C.W. Ch. Schüz, Über den Einfluß d. Verteilung des Grundeigentums auf das
Volks- und Staatswesen, 1836, S. 89. — Vgl. weiter dazu die eingehenden Darlegungen
bei P. Reichensperger, Die Agrarfrage. Das freie Agrarsystem in Beziehung auf
Bevölkerung u. Pauperismus, 1847. — Ferner E. Cronbach, Das landwirtschaftl.
Betriebsproblem i. d, deutschen Nationalökonomie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts,
1907.
2? Mombert, Aus d. Literatur, a. a. 0. — Ferner Sombart, Hochkapitalismus,
/, Halbbd., S. 377 ff.
3) Vgl. dazu die gleichnamige Preisarbeit von F. Baur, 1838. — Recht aufschlußreich
für d. Umfang d. damaligen Armut ist das Buch von F. Schmidt, Untersuchungen
über Bevölkerung, Arbeitslohn u. Pauperismus in ihrem gegenseitigen Zusammenhang,
1836. — Manches wertvolle für diese Frage bietet auch G. Leibbrandt,
Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland, 1816—1823, 1928,
S. 7—27.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.