Full text: Bevölkerungslehre

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Erster geschichtlicher Teil 
eine erneute Teuerungsperiode, die in ihren Einwirkungen erst 
etwa mit dem Jahre 1855 zu Ende geht. Daß die politischen Un- 
tuhen dieser Zeit ebenfalls der Entwicklung des Wirtschaftlebens 
nicht günstig waren, bedarf keines besonderen Hinweises. Für die 
Tatsachen der Teuerung sei auf die Tabelle Seite 172 verwiesen. 
Gegenüber den entsprechenden Verhältnissen um die zwanziger Jahre 
stiegen die Getreidepreise bis 1847 um mehr als das Dreifache. 
Zwar hatten sich gegenüber den entsprechenden Zuständen der 
früheren Jahrhunderte die Verhältnisse auch dadurch gebessert; daß 
die Kartoffel immer mehr neben dem Brotgetreide Volksnahrungs- 
mittel wurde. Hat {man |doch schon mit Recht gemeint, daß die 
Kartoffel ein kräftigerer Bekämpfer von Notstand und Hungersnot sei, 
als die sorgsamste Getreidehandelsmagazinpolitik 1. Aber das konnte 
nur helfen in Zeiten, in denen der Mißwachs ein gewisses Maß nicht 
überschritt und in denen nicht auch der Kartoffelbau davon mit- 
erfaßt wurde. Wir machen uns heute kaum mehr ein Bild von dem 
Elend jener Tage, das durchaus im Sinne von Malthus als 
tepressives Hemmnis in der schärfsten Form gewirkt hat. 
Virchow, !der im Jahre 1852 eine‘ Studienreise in den Spessart 
unternommen hatte, berichtet, daß die ganze Existenz der dortigen 
Bevölkerung auf dem Kartoffelanbau beruhe. „Die Kartoffelkrankheit 
hat alle Illusionen zerstreut und alle Gefahren zurückgeführt, welche 
das Menschengeschlecht überwunden zu haben glaubte.“ Die Schweine 
mußten verkauft werden, weil keine Ernährungsmöglichkeit für sie 
bestand und die Bewohner waren gezwungen, das anzugreifen, was 
an Kartoffeln und Getreide zur nächsten Aussaat bereit lag. Virchow 
berichtet von einem bestimmten, häufig auftretenden Hungerzustand. 
In ihm „fanden wir die Leute schwach, arbeitsunfähig, abgeklärt, 
hohläugig“*). Es stehen für jene Zeit keine Zahlen zur Verfügung, 
aus denen wir das Maß von Erwerbslosigkeit erkennen können, wie 
es uns die Statistik für die neuere Zeit liefert. Immerhin können 
wir dafür die Zunahme der Bettler und Vaganten, deren Zahl sich, 
wie die folgende Tabelle für Bayern zeigt, durchaus parallel mit der 
Entwicklung der Lebensmittelpreise bewegt, als ausreichenden Ersatz 
betrachten 3). 
') Die Getreidehandelspolitik, Bd. 3, a. a. O., 1910, S. 56. 
”) R. Virchow, Die Not im Spessart, 1852. 
?) G. Mayr, Statistik, a. a. 0. S. 48.
	        
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