7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 233
ländliche Bevölkerung zugenommen hat. Es wird später noch auf
diese Zusammenhänge zurückzukommen sein.
Zu der Gruppe der Sozialreformer kann man auch die Vertreter
der politischen Romantik rechnen, die, wenn- auch in verschiedener
Weise, die sozialen Mißstände durch eine Rückkehr zu
älteren Formen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung
bekämpfen wollten. Bei den Vertretern dieser Richtung, die überhaupt
nur sehr geringes Verständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge
hatten, kann man feststellen, daß sie mehr oder weniger
achtlos an dem Bevölkerungsproblem vorübergegangen sind. Wenn
die Romantiker, wie z. B. A. Müller, ihr Ideal in einem Gleichgewicht
zwischen ländlicher und städtischer Ökonomie erblicken, so
ist es gerade das Volkswachstum, das schließlich dieses Gleichgewicht
zu ungunsten der ländlichen Ökonomie stören muß. Ähnliche Anschauungen
finden sich auch bei manchen Vertretern der katholischen
Richtung in der Nationalökonomie, die eine starke innere
Verwandtschaft mit der Romantik aufweist ?!). Freilich haben dann
wieder andere Schriftsteller, die dieser Richtung nahe standen, gerade
die neuzeitliche Erwerbswirtschaft und freie Konkurrenz eben mit
Rücksicht auf die wachsende Bevölkerung bejaht?). Gegen die
romantischen Ideen Rosenstocks, der zur Lösung der seelischen
Seite der Arbeiterfrage Werkstattaussiedelung oder Werkstattkommandite
vorgeschlagen hat®), hat Jostock mit Recht darauf hingewiesen,
daß einer solchen Einrichtung aus dem Volkswachstum die größten
Schwierigkeiten erwachsen müßten *). Der englische Gildensozialismus,
der mit seinem stark romantischen Einschlag eine Gesellschaftsreform
will, die starke Anklänge an das mittelalterliche Zunftwesen
zeigt, hilft sich dem Bevölkerungsproblem gegenüber auf
ebenso einfache, wie naive Weise. Einer seiner Hauptvertreter,
A. Penty, hat die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
deutlich erkannt; er meint jedoch: „Aus diesem Grunde
ist die Auswanderung in großem Maßstabe ein notwendiger Bestandteil
jedes Planes für den Neubau der Gesellschaft“ 9). Das ist wenigstens
!) Vgl. dazu z, B. F., Kempel, Göttliches Sittengesetz u. neuzeitliches Erwerbseben,
1902. — Vgl. dazu auch die durchaus unzureichenden Darlegungen bei F. Keller,
Bevölkerungspolitik und christliche Moral, 1905. — Realistischer steht Pesch in
seinem Lehrbuch d. Nationalökonomie (Bd. 4, 1922, S. 850ff.) diesen Zusammenhängen
gegenüber, wenngleich er auch dabei eine etwas schwankende Haltung einnimmt.
% Wenckstern, Le Play, Schmollers Jahrb., Jahrg. 18, 1894, S. 48.
3) Lebensarbeit i. d. Industrie, 1926,
4) P. Jostock, Der Ausgang des Kapitalismus, 1928, S. 250.
5) Auf d. Wege zu einer christl, Soziologie, Deutsch 1924, S. 207.