1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 241
als er sagte, daß die wahre Aufgabe eines Staatsmannes darin be-
stände, „die Verbindung und das Verhältnis von Bevölkerung und
Reichtum zu finden, das imstande ist, das größtmögliche Glück der
menschlichen Rasse auf einem gegebenen Raume zu gewährleisten“.
Wir können also von einem Optimum der Bevölkerung sprechen.
Dabei ist schon die Wirksamkeit des Gesetzes vom sinkenden Boden-
ertrag eingeschlossen. Denn, wenn man ein solches ablehnt oder, wie
manche es tun, die Meinung vertritt, daß die menschliche Arbeit
um so ergiebiger ist, je dichter eine Bevölkerung lebt, dann muß die
Entwicklung dem Optimum der Volkszahl um so näher kommen, je
mehr diese zunimmt. Teilt man jedoch diesen Standpunkt nicht,
erkennt man vielmehr das Bodengesetz in seiner Wirksamkeit
an, so liegen die Verhältnisse anders. Geht dann die Bevölkerung
über dieses optimale Maß hinaus, so wird infolge des Bodengesetzes
die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit geringer sein, als es diesem
idealen Zustand entsprechen würde, ist die Volkszahl dagegen ge-
ringer, als es dieser optimale Zustand verlangt, so fehlen die Vor-
aussetzungen, um aus den natürlichen Gaben des Landes das heraus-
zuholen, was herausgeholt werden kann. Es sind also nach beiden
Seiten hin Abweichungen von diesem Bevölkerungsoptimum denkbar.
Wie Rappard es ausgedrückt hat, daß dieses den Grenzstein dar-
stelle, welcher die Untervölkerung von der Übervölkerung scheide 3).
Es stehen hier zwei entgegengesetzte Tendenzen einander gegen-
über. Wo die Volkszahl bei gegebenen Produktionsmöglichkeiten
zunimmt, da wird die Produktivität der Arbeit sinken, während
demgegenüber gerade wieder das Wachstum der Volkszahl starke
Kräfte in sich birgt, unter bestimmten wirtschaftlichen Voraus-
setzungen erheblich zur Steigerung der Produktivität beizutragen.
„Dort wo gerade diese Tendenzen sich ausgleichen, liegt in der Tat
das wahre Optimum der Bevölkerung. Allerdings dieses Stadium
liegt nicht fest“?). Die Abweichungen von diesem Optimum kann
man ganz allgemein als Über- und Untervölkerung bezeichnen,
Beide Male handelt es sich um Relationsbegriffe, die besagen, daß
die Volkszahl an einer anderen Größe gemessen, zu groß oder zu
klein ist. Diese andere Größe können wir einmal in den wirtschaft-
lichen Entwicklungsmöglichkeiten eines Landes oder in den Lebens-
möglichkeiten erblicken, die in einem Lande in einer bestimmten
1) W. E. Rappard, De loptimum de population, Zeitschr. f. schweiz. Volks-
wirtschaft u. Stat., 63. Jahrg., 1927, S. 679ff.
2%) K. Wicksell, Das Optimum d. Bevölkerung. In: „Die neue Generation‘,
5. Jahrg., 1910, S. 387.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. 15.