Full text : Bevölkerungslehre

246 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Bodenfläche, hat nur 15 Millionen Menschen zu ernähren und ist
für sein Brotgetreide, Weizen und Mais, doch auf-die Einfuhr angewiesen“
 ?),
In solchen Ländern herrscht Mangel an Arbeitskraft; wir begegnen
 infolgedessen hier, soweit dagegen nicht durch die Fortschritte
im Maschinenwesen ein gewisser Ausgleich geschaffen werden kann,
einer extensiven  Bodennutzung und in der Regel auch hohen
Löhnen. Gewerbe und Handel stehen hier vielfach noch in den
Anfängen, einmal aus Mangel an Arbeitskräften, dann aber auch,
weil infolge der geringen Menschenzahl für die Entwicklung des
Gewerbes noch der genügende innere Markt fehlt. Die Verflechtung
solcher Länder in den Weltmarkt vollzieht sich dann in der Regel
in der Weise, daß sie vornehmlich Nahrungsmittel und Rohstoffe
aus- und hauptsächlich industrielle Fertigwaren-einführen. Es handelt
sich also in gewissem Sinne um einen Austausch von Boden
zegen Arbeit. Die gleichen Länder sind es dann auch, die in
der Regel die Einwanderung auf die verschiedenste Weise unterstützen,
 entweder durch die Gewährung von Land oder durch Bezahlung
 der Reisekosten. Unter solchen Voraussetzungen gelten
eben jene Anschauungen, wie wir sie oben vor allem bei Carey
kennen gelernt haben, der als Amerikas seine Erfahrungen ja
auch aus solchen Verhältnissen schöpfte, daß mit dem Wachstum
der Bevölkerung deren Arbeitskraft noch rascher steigt, daß also
die Steigerung der Produktivkraft eines Volkes noch rascher vor
sich gehen kann, als seinem zahlenmäßigen Wachstum entspricht.
Man wird unter solchen Voraussetzungen vielleicht also in dem
Sinne von einer Untervölkerung sprechen können, als ein stärkeres
Volkswachstum die Voraussetzung einer‘ noch weiteren Steigerung
von Wohlstand und Kultur ist. .
Man darf jedoch freilich unter solchen Verhältnissen, wie wir
sie noch heute an so vielen Stellen der Erde antreffen, mit dem
Gedanken der Untervölkerung nicht etwa die Anschauung von etwas
ungünstigem, also gewissermaßen von einem krankhaften, pathologischen
 Zustand verbinden, wie wir es später bei der Erscheinung
der Übervölkerung noch kennen lernen werden. Bei dieser Form der
Untervölkerung können die Menschen in durchaus behaglicher, zureichender
 Weise leben und Bülau hatte Recht, wenn er im Hin-5Slick
 darauf nicht von einer Untervölkerung, sondern nur von einer
zu geringen Bevölkerung gesprochen hat. Denn eigentlich müßten

) A. Reichwein, Die Rohstoffwirtschaft d. Erde, 1928, S. 152.
            
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