1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 247
wir den Begriff der Untervölkerung, wie wir noch sehen werden,
für andere Erscheinungen aufbewahren.
Die. Erscheinung einer solchen Untervölkerung kann auch
unter Voraussetzungen eintreten, bei denen man durchaus betechtigt
ist, von einem krankhaften Zustand des Volkes oder der
ganzen Wirtschaft des Landes zu sprechen. Das ist nämlich dann
der Fall, wenn es sich nicht um Gebiete mit noch dünner, aber
doch langsam zunehmender Bevölkerung handelt, sondern wenn
zuvor die Bevölkerung eine größere Dichte aufzuweisen hatte, also
die Untervölkerung. die Folge einer Abnahme der Volkszahl ist, man
also von einer Entvölkerung reden kann. Hier handelt es sich
um ganz andere und wesentlich ernstere Fragen. In einem solchen
Fall kann die Abnahme der Bevölkerung ein Abgleiten des Volkes
von einer höheren Stufe wirtschaftlicher Kultur und politischer Bedeutung
in sich schließen; die Zahl der Menschen genügt dann
vielleicht nicht mehr, um das ganze, vorher unter den Pflug genommene
Land anzubauen, Dörfer und Höfe können veröden und
es können damit mehr oder weniger die Voraussetzungen in Fortfall
kommen, die bisher in dem betreffenden Lande die Entwicklung
von Gewerbe und Handel möglich gemacht haben. Das waren
die Zustände, die wir etwa in der späteren Geschichte Griechenlands
und Roms, in England vorübergehend nach dem schwarzen
Tod und in manchen deutschen Gebieten nach dem dreißigjährigen
Krieg beobachten konnten, Es ist leicht einzusehen, daß und warum
hier die Untervölkerung etwas ganz anderes bedeutet, als in dem
erstgenannten Falle bei aufsteigenden aber zunächst noch dünnbesiedelten
Ländern. Jedenfalls hing auch die aktive Bevölkerungspolitik
in Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege mit diesen
Bevölkerungsverlusten zusammen, wenn sie auch keineswegs allein
darauf beruhte. Harmsen hat neuerdings mit einem glücklichen
Ausdruck diese Form der Untervölkerung als Bevölkerungsschwund
bezeichnet 9.
Es sind das Zusammenhänge, auf die man in letzter Zeit recht
häufig unter dem Eindruck des neuzeitlichen Geburtenrückganges
aingewiesen hat und es handelt sich hier um ein Problem, das
aamentlich für Frankreich eine sehr große Bedeutung besitzt.
Hier lassen sich — wie Harmsen und manche französischen Schriftsteller
gezeigt haben — bereits die Folgen der Volksabnahme in
gewissen Gebieten feststellen. So haben die Getreideanbauflächen
') A. Harmsen, Bevölkerungsprobleme Frankreichs, 1927, S. s3ff,