1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 2 53
Wachstum abhängen kann. Man darf nicht etwa annehmen, daß
mit einem Rückgang der Volkszahl ohne weiteres günstige Wirkungen
auf dem Arbeitsmarkte ausgelöst werden müssen; es kann sogar
das Gegenteil der Fall sein. Wir brauchen nur daran zu denken,
daß in der Industrie — wenigstens in der Tendenz — mit zunehmender
Produktion und zunehmendem Absatz die Produktionskosten zu sinken
pflegen, um einzusehen, daß, wenn der Absatz zurückgeht, wenn nicht
mehr alle vorhandenen Anlagen ausgenutzt werden können, die
Produktionskosten zum Steigen tendieren. Damit können ungünstige
Einflüsse für den Absatz auf dem inneren und auf dem äußeren
Markt entstehen, die unter Umständen so stark sein können, daß sie das
angenommene Minderangebot an Arbeitskräften ausgleichen, vielleicht
sogar es überkompensieren. Wir müssen eben immer im Auge
haben, daß die Volkszahl, wie noch genauer zu zeigen sein wird,
auch einen Einfluß auf die Größe des Nahrungsspielraumes ausüben
kann, daß es durchaus möglich ist — wie auch die geschichtliche
Erfahrung zeigt — daß unter bestimmten Voraussetzungen der
Nahrungsspielraum eines Landes stärker steigt als die Volkszahl.
Ebenso kann aber auch unter bestimmten wirtschaftlichen Voraussetzungen
auch das Umgekehrte eintreten, daß bei rückläufiger
Volkszahl der Nahrungsspielraum stärker als die Volkszahl zurückgeht.
Ob das eine, ob das andere der Fall ist, hängt von der ganzen
technischen und wirtschaftlichen Situation ab, in der sich die betreffende
Volkswirtschaft dann befindet, wenn die Volkszahl rückläufig
zu werden beginnt.
Aus dem Gesagten ersieht man, daß die Wirkungen abnehmender
Volkszahl sich nur in den allergröbsten Strichen zeichnen lassen.
Es ist gar nicht möglich, alle die Mannigfaltigkeiten zu erschöpfen,
die sich daraus für die Wirtschaft und das soziale Leben eines Volkes
ergeben können. Z. B. läßt sich gar nicht übersehen, welcher
Einfluß sich dadurch auf den Kapitalbedarf und die Kapitalbildung
ergeben kann, ob ein solches Land, das bisher dank seines
starken Volkswachstums seinen Kapitalbedarf nur schwer befriedigen
konnte, wie etwa Deutschland schon vor dem Kriege, nun bei
sinkender Volkszahl einen gewissen Kapitalüberfluß im Laufe der
Zeit haben wird und zum Kapitalexport schreiten kann, wie es in
Frankreich z. B. vor dem Kriege der Fall war. Alle diese verschiedenen
Möglichkeiten und Wirkungen können dann auch in
hohem Maße davon abhängen, ob das betreffende Land Gläubigeroder
Schuldnerstaat ist, sie werden auch davon bestimmt sein, ob
sich ein solcher Bevölkerungsrückgang in allen Ländern vollzieht,