Full text : Bevölkerungslehre

254 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

oder ob nur ein einzelnes Land davon betroffen wird. Fehlen doch
auch für die Wirkungen einer solchen Bevölkerungsabnahme in einem
modernen Industriestaat alle geschichtlichen Erfahrungen.
Mit den bis jetzt erörterten Formen der Untervölkerung — zu
geringe Volkszahl und Bevölkerungsschwund — sind jedoch die
Möglichkeiten keineswegs erschöpft, die hier vorkommen können
und auch schon vorgekommen sind. Es braucht sich bei einer
solchen Erscheinung der Untervölkerung keineswegs nur darum zu
handeln, auch bei der Übervölkerung werden ähnliche Unterschiede
zu machen sein, daß eine solche Untervölkerung in dem einen oder
anderen Sinne sich auf das ganze Land, also auf alle seine Wirtschaftszweige
 erstreckt. Es kann auch der Fall vorkommen, daß trotz zunehmender
 Bevölkerung der Nahrungsspielraum eines Landes und
seine Produktionsmöglichkeiten so wachsen, daß die Zunahme der
Bevölkerung dahinter zurückbleibt und daß ein Mangel an Arbeitskräften
 eintritt. Es sei auf den Arbeitermangel in der deutschen
Landwirtschaft verwiesen oder ganz allgemein auf die Entwicklung
in Deutschland in dem Jahrzehnt von 1896 bis 1905, wie sie sich
in der folgenden kleinen Zahlenreihe wiederspiegelt: ;
Geburtenüberschuß Wanderungsgewinn
absolut auf 1000
1896—00 4 002 152 45 000 0,3
1901—05 4 228 743 68 000 0,2

Auch in den darauf folgenden Jahren zeigte sich in Deutschland
trotz eines recht erheblichen und noch steigenden Geburtenüberschusses
 ein gewisser Arbeitermangel. So wurden z. B. in dem
Jahre 1911/12 in der Industrie 332211, in der Landwirtschaft 397364
Legitimationskarten für Wanderarbeiter ausgestellt, Zahlen, die im
folgenden Jahre 1912/13 auf 355 509 und 411706 stiegen!)., Wenn
es sich dabei auch vielfach darum gehandelt hat, daß man nur für
ganz bestimmte Tätigkeiten auf ausländische Arbeiter zurückgriff, oft
mitunter auch deshalb, weil sie anspruchsloser und billiger waren,
so lag dieser starken Beschäftigung fremdländischer Arbeitskräfte
doch auch ein absoluter Arbeitermangel in der deutschen Wirtschaft
in dieser Zeit zugrunde.
Diese eben besprochene Erscheinung lenkt zu der Frage hinüber,
 woher überhaupt die Wirtschaft eines Landes, insbesondere
die Industrie, bei ihrem Wachstum ihre Arbeitskräfte bezieht. Die

') Vgl. dazu auch B. Bodenstein, Die Beschäftigung ausländischer Arbeiter
i. d. Industrie, 1908.
            
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