256 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Gebieten mit noch sehr dünner Besiedelung, daß das Fehlen an
Arbeitskräften ein wesentliches Hindernis der Ausweitung des Nahrungsspielraumes
ist. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
das kann auch in der Zukunft wieder einmal auftreten und man hat
gerade neuerdings im Zusammenhang mit dem starken Geburtentrückgang
auf diese Möglichkeiten hingewiesen.
4. Die Übervölkerung. — Leichter und einfacher als bei der
Untervölkerung lassen sich Formen und Arten bei der Übervölkerung
überblicken. Liegen doch hierfür auch weit zahlreichere Erfahrungen
vor. Freilich gibt es auch hier eine ziemliche Mannigfaltigkeit von
Möglichkeiten, die scharf auseinander gehalten werden müssen. Wir
haben bereits oben gesehen, daß wir es hier mit einem Relationsbegriff
zu tun haben, daß die Bevölkerung einer anderen Größe,
dem Nahrungsspielraum gegenüber zu groß ist. Es besteht eine
Meinungsverschiedenheit darüber, ob Malthus eine dauernde Übervölkerung
für möglich gehalten hat. Bortkiewicz‘!)z. B. hat diese
Meinung vertreten, während Budge”) und andere, denen ich beistimmen
möchte, der Meinung sind, daß davon keine Rede sei.
„Denn es ist ja ein Kernpunkt der Malthus’schen Lehre, daß die
Bevölkerung dauernd auf dem Niveau der Nahrungsmittel festgehalten
wird, daß sie zwar beständig gegen den Nahrungsspielraum
preßt, das Niveau desselben aber niemals dauernd zu überschreiten
vermag.“ Man kann also im Sinne von Malthus nur von einer
dauernden Tendenz zu einer Übervölkerung sprechen. Budge hat
deshalb auch Recht, wenn er die Meinung Oppenheimers „Bei
Malthus steht die „Übervölkerung“ gegen eine Unterversorgung
mit Nahrungsmitteln, und zwar nicht gegen eine nur zeitweilige,
sondern gegen eine naturgesetzlich dauernde. Es besteht, von gewissen
Ausnahmefällen abgesehen, immer und überall Übervölkerung“
®), als ein geradezu ungeheuerliches Mißverständnis bezeichnet.
Hier ist zunächst auf einen rein äußeren Unterschied hinzuweisen,
dem jedoch, wie wir noch. sehen werden, auch eine tiefere
Bedeutung zukommt. Unter dem Einfluß von Malthus, der auch
nur immer an diesen Zusammenhang gedacht hatte, war stets
der Fall ins Auge gefaßt worden, daß die Volkszahl stärker zunimmt,
als der Nahrungsspielraum des betreffenden Landes und daß
sich aus diesem Widerstreit damit als Wirkung des Volkswachstums
1) Bevölkerungstheorie, a. a. O., S. 27.
2) Budge, a. a. O0. S. 150ff,
3) Oppenheimer, Das Bevölkerungsgesetz, S. 68.