i., Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 257
bestimmte wirtschaftliche und soziale Spannungsverhältnisse ergeben.
Das waren ja auch die Erscheinungen, die man immer wieder in
der Geschichte beobachten konnte. Es können jedoch genau die
gleichen Spannungsverhältnisse eintreten, wenn bei gleichbleibender
Volkszahl der Nahrungsspielraum eines Landes sinkt oder wenn er
bei sinkender Volkszahl eine stärkere Abnahme erfährt als diese.
Auch dafür bietet die Geschichte mancherlei Beispiele, so am Ausgang
Roms oder in Deutschland, namentlich nach den napoleonischen
Kriegen oder in einer Reihe von europäischen Staaten nach dem
Weltkriege. Für das Wesen der Übervölkerung kommt es natürlich
nur darauf an, daß dem vorhandenen Nahrungsspielraum gegenüber
die Menschenzahl zu groß ist; ob dabei die Ursache in Größenänderungen
auf der einen oder auf der anderen Seite liegt, macht
grundsätzlich keinen Unterschied, weder für die Tatsache der Übervölkerung,
noch für ihre äußeren Symptome. Ich kann deshalb
auch Wyler nicht folgen, der meint: „Erst wenn das Gleichgewicht
zwischen Bevölkerungskapazität und ihrer Größe durch einen KEingriff
in ihr Wachstum oder ihren Bestand hergestellt werden muß,
dürfen wir von einer Übervölkerung sprechen“!)., Warum sollen
wir aber nicht von einer solchen auch dann reden dürfen, wenn das
fehlende Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Nahrungsspielräaum
durch eine entsprechende ‘Ausweitung des letzteren herbeigeführt
werden kann? Auch von anderer Seite hat man diese Meinung
vertreten, daß man als Übervölkerung einen Zustand zu bezeichnen
habe, bei welchem das Verhältnis der Bevölkerung zum Nahrungsspielraum
im Vergleich zu einer früheren Epoche wesentlich ungünstiger
geworden sei ?).
Wyler®) begründet-seine Auffassung in einer zunächst durchaus
einleuchtenden Weise, wenn er meint: „Ubervölkerung ist entweder
ein überflüssiges Synonym zur Bezeichnung von Erscheinungen,
die als sogenannte Symptome der Übervölkerung aufgefaßt
werden: wie chronische Arbeitslosigkeit, Abnahme der wirtschaftlichen
Befriedigungsmöglichkeiten, oder ein notwendiger und selbständiger
Begriff. Dann aber handelt es sich um einen Begriff der Bevölkerungslehre,
dessen Merkmale nur demographische sein können.
1) Wyler, Das Übervölkerungsproblem i. d. Schweiz, 1923, S. 7. — Vgl. dazu
auch F. Vöchting, Die Romagna, 1927, S. 38 ff.
?) P. E. Stein, Das Übervölkerungsproblem mit besonderer Berücksichtigung
d. schweiz. Verhältnisse, Diss.,, Bern 1927, S. ı2.
3) Wyler, Bevölkerungsstatistik. u. Bevölkerungslehre. Krit. Literaturbericht.
Weltwirt. Arch., Bd. 29, 1929, S. 20/2144,
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd. ıs.