Full text : Bevölkerungslehre

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Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Aus diesem Grunde und um der begrifflichen Schärfe willen, sprechen
wir erst dort von einer Übervölkerung, wenn das Mißverhältnis
zwischen Bevölkerungsgröße und Nahrungsspielraum durch eine Angleichung
 der Bevölkerung an die Wirtschaftskapazität behoben wird.
(Auswanderung, Beschränkung der Heiraten und Geburten, Erhöhung
der Sterblichkeit). Die Anpassung der Lebenshaltung an die Bevölkerungskapazität
 jedoch — von der Armen- und Arbeitslosenunterstützung
 bis zum heroischen Verzicht auf die Befriedigung
dringlicher Bedürfnisse — bedeutet für uns nur die Abwendung
einer drohenden Übervölkerung“. Ich glaube doch, daß damit der
Begriff der Übervölkerung ein zu enger wird. Sicherlich
kommt man auf diese Weise zu einem eindeutigen Begriff derselben.
Aber wo, wie in den Kulturstaaten die Lebenshaltung so erheblich
über dem Existenzminimum liegt, da können, wie alle Erfahrung
zeigt, Unstimmigkeiten in den Größenverhältnissen von Bevölkerung
und Nahrungsspielraum auftreten, die keineswegs zur Folge zu haben
brauchen, daß das Gleichgewicht nur wieder durch eine Angleichung
der Bevölkerung in der von Wyler dargelegten Weise herbeigeführt.
werden muß. Das kann auch durch einen Rückgang in der Lebenshaltung
 als Folge dieses Mißverhältnisses geschehen. Wir würden
den Begriff der Übervölkerung wertlos machen, wenn wir ihn
nur auf solche Erscheinungen anwenden wollten, wie Wyler vorschlägt.
 Auswanderung und Zunahme der Sterblichkeit sind doch
in diesem Fall ebensogut Symptome wie ein Rückgang in der
Lebenshaltung. Ich möchte deshalb daran festhalten überall dort
auch von Übervölkerung zu sprechen, wo sich aus Wandlungen in
den Größenverhältnissen von Volkszahl und Nahrungsspielraum ein
länger andauernder Rückgang in der Lebenshaltung ergibt, oder, wo
das Gleichgewicht auch durch eine Ausweitung des Nahrungsspieltaumes
 wiederhergestellt werden kann !). Ein Begriff muß auch so weit.
sein, daß er alle Erscheinungen, welche aus in der Sache liegenden
Gründen mit umfaßt werden sollen, mit einschließt,
Nur für die Prognose, wie sich das Spannungsverhältnis
zwischen Bevölkerung und Nahrungsspielraum weiter gestalten wird,
ist ein wesentlicher Unterschied vorhanden. Denn ‘dort, wo die
Übervölkerung darauf beruht, daß die Volkszahl dem Nahrungsspielraum
 gegenüber zu sehr zugenommen hat, wird man jedenfalls mit
größerer Skepsis der Möglichkeit, daß ein solcher Zustand über-!)

 Ebenso K, Keller, Bevölkerung u, Nahrungsspielraum in Deutschland,
Allgem. stat. Arch., Bd. 17, 1926, S. 1—2,
            
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