1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 2 59
wunden werden kann, gegenüberstehen, als dort, wo dieses fehlende
Gleichgewicht auf einem Rückgang des Nahrungsspielraumes beruht,
Denn hier hat bereits die Erfahrung gezeigt, daß der Nahrungsspielraum
so ausgeweitet werden kann, um der Volkszahl eine bestimmte,
schon vorher vorhanden gewesene Lebenshaltung zu gewährleisten.
Eine weitere wichtige Unterscheidung bei dem Begriff der Übervölkerung
liegt darin, daß man dabei an ein bestimmtes Gebiet oder
auch an die ganze Erde denken kann. Beide Auffassungen kommen
nebeneinander vor*). und beide Betrachtungsweisen haben auch
nebeneinander durchaus ihre Berechtigung. Die geschichtliche Erfahrung
zeigt einmal, daß der Zustand der Übervölkerung auf ein
einzelnes, begrenztes Gebiet beschränkt sein kann, während andere,
benachbarte Länder durchaus frei davon sind. Gerade vom Standpunkt
eines einzelnen Volkes aus wird immer der erstgenannte Ausgangspunkt
im Vordergrund stehen müssen, während man natürlich
auch durchaus berechtigt ist, unter bestimmten Gesichtspunkten den
Nahrungsspielraum der ganzen Erde mit deren ganzer Volkszahl zu
vergleichen. Es wird auf dieses Problem später genauer einzugehen
sein, wenn die Anschauungen besprochen werden, die über die
mögliche Maximalbevölkerung der Erde geäußert worden sind.
Wenn auch die nationale Betrachtung des Bevölkerungsproblems solange
eine fundamentale Bedeutung haben wird, als es auf der Erde
politisch selbständige Staaten und Völker nebeneinander gibt, so wird
man doch sagen müssen, daß im Laufe der geschichtlichen, Entwicklung
die Beziehungen der gesamten Volkszahl der Erde zu deren
gesamtem Nahrungsspielraum an Bedeutung zugenommen haben und
sicher auch noch weiter zunehmen werden. Wenn das der Fall ist,
so hängt. es in erster Linie mit der gewaltigen Entwicklung des
Verkehrswesens und der immer stärkeren Verflechtung aller Länder
in die Weltwirtschaft zusammen. Es ist das eine Entwicklung,
welche die Länder der Erde einander räumlich und wirtschaftlich
immer näher gebracht hat und auch in Zukunft noch näher bringen
wird. So sehr die Versorgung eines Landes mit Nahrungs- und
Rohstoffen aus anderen Teilen der Erde an bestimmte wirtschaftliche
Voraussetzungen gebunden ist, so kann man doch ganz allgemein
für politisch normale Zeiten sagen, daß für die Größe des Nahrungsspielraumes
eines Landes nicht allein die Gaben des eigenen Bodens,
1) Die erste Betrachtung findet sich z. B. bei Roscher, Grundlagen d. National-Ökonomie,
22. Aufl., S. 781. — Die letztere bei W. Lexis, Allgem, Volkswirtschaftslehre,
1910, S. 239.