Full text: Bevölkerungslehre

266 Zweiter systematisch-theoretischer Teil ' 
dem Merkmal, daß der Rückgang der Lebenshaltung einen 
„dauernden“ Charakter tragen muß, bereits eine innere Schwierig- 
keit liegt. Es ist auch oben schon darauf hingewiesen worden, daß 
Übervölkerungserscheinungen keineswegs allein auf einem zu starken 
Wachstum der Volkszahl zu beruhen brauchen, daß vielmehr 
die gleichen Erscheinungen mit den gleichen Symptomen 
auch. auftreten können, wenn z. B. bei gleichbleibender Volks- 
zahl der Nahrungsspielraum eine Einengung erfährt. Die Tat- 
sache einer Übervölkerung braucht also keineswegs ihre unmittel- 
bare Ursache in einer stattgefundenen Bevölkerungszunahme zu 
haben. Allerdings kann man schließlich auch unter diesem 
Gesichtspunkt zwei Arten der Übervölkerung unterscheiden, je 
nachdem die unmittelbare Ursache in einem zu starken Volks- 
wachstum oder in einer zu starken Einengung des Nahrungsspiel- 
raumes liegt und wenn man will, kann man in dem letzteren Falle 
mit. Bortkiewicz von einer Übervölkerung im uneigentlichen 
Sinne sprechen. Wenn Rümelin auch darin recht hat — es ist 
dast ein Punkt, den er besonders stark hervorhebt —, daß bei der 
Erscheinung der Übervölkerung auch die Tatsache eine wichtige 
Rolle spielt, ob das betreffende Volk imstande ist, seinen gesamten 
Nahrungsbedarf noch aus dem eigenen Boden zu ziehen, oder ob 
dazu dessen Ertrag nicht mehr ausreicht, so wird man eine solche 
Tatsache doch nicht ohne weiteres unter die Merkmale einer Über- 
völkerung aufnehmen dürfen. Das ist schon deshalb nicht möglich, 
weil die Entwicklung der wichtigsten europäischen Kulturstaaten in 
den letzten Jahrzehnten zeigt, daß in dem Maße, in dem eine solche 
Verflechtung in die Weltwirtschaft stattgefunden hat, in den be- 
treffenden Ländern eine beträchtliche Verbesserung der durchschnitt- 
lichen Lebenshaltung eingetreten ist. Ohne dabei zunächst von 
einem kausalen Zusammenhang beider Erscheinungen sprechen zu 
wollen, davon wird noch an anderer Stelle zu reden sein, kann man 
doch keinesfalls in einer Zeit, in der die allgemeine Lebenshaltung 
in einem Lande steigt, in der Volkseinkommen, und Volksvermögen 
unstreitig stärker zugenommen haben als die Volkszahl, von einer 
Übervölkerung sprechen. 
Will man zu positiven Anhaltspunkten für die Frage kommen, ob 
in einem Lande eine Übervölkerung vorhanden ‚ist, so muß man 
unvermeidlich an die Entwicklung der durchschnittlichen Lebens- 
haltung anknüpfen, wobei zunächst die Tatsache auszuscheiden hat, 
ob das Volk noch von dem Ertrag des eigenen Bodens leben kann 
oder ob das bereits nicht mehr der Fall ist. Allerdings muß es sich
	        
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