Full text : Bevölkerungslehre

1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 267

dabei um einen Rückgang der Lebenshaltung handeln, der länger
andauert, wobei unvermeidlich in dem Begriff „länger“ ein unsicheres
Element liegt. Wir sind eben nicht berechtigt, jeden Rückgang in
der Lebenshaltung eines Volkes als Zeichen für eine Übervölkerung
zu betrachten; denn auch bei jedem Rückgang der Konjunktur pflegt
sich in der Regel eine solche Verschlechterung der allgemeinen
Lebenshaltung einzustellen.
Es liegt nahe, auch diesem Problem gegenüber die neuerdings
so häufig vorgenommene Unterscheidung von „konjunkturellen“ und
„strukturellen“ Wandlungen in äer Wirtschaft anzuwenden. Dabei
kann man unter den ersteren alle diejenigen Veränderungen verstehen,
 die sich aus dem Ablauf der Wirtschaft selbst ergeben,
dagegen unter strukturellen Wandlungen diejenigen, welche die
Grundlagen des Wirtschaftslebens und ihre gegenseitige Verhältnismäßigkeit
 betreffen !). Man wird jedenfalls alle Wandlungen“ könjunkturellen
 Charakters für den Übervölkerungsbegriff ausschließen
müssen, auch wenn sie für kürzere Zeit einen: Rückgang der ällgemeinen
 Lebenshaltung zur Folge haben. Für die Übervölkerungserscheinungen
 können nur Wandlungen strukturellen Charakters in
Frage kommen, die imstande sind, den Nahrungsspielraum der Volkswirtschaft
 gegenüber der Volkszahl für längere Zeit einzuengen. Ob dabei
die Volkszahl zugenommen hat oder der Nahrungsspielraum eine
Einengung erfahren hat, macht für die Tatsache, daß es sich hier
um Veränderungen in der ‚gegenseitigen Verhältnismäßigkeit der
Wirtschaftselemente handelt, keinen Unterschied. Worum es sich
dabei im einzelnen handeln kann, wird im Zusammenhang mit den
folgenden Darlegungen über den Nahrungsspielraum noch genauer
 zu erörtern sein.
Wenn man also die Merkmale einer Übervölkerung in den
Wandlungen der durchschnittlichen Lebenshaltung‘ erblicken muß,
so wird doch nicht jeder Rückgang in der Lebenshaltung, auch
wenn er mit konjunkturellen Wandlungen” nichts zu tun hat, als
Übervölkerungssymptom zu deuten sein. Das wird vielmehr nur
dann statthaft sein, wenn es sich dabei um Beziehungen zu Wandlungen
 in dem Größenverhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
 handelt, die dann auch besonders nachgewiesen werden
üssen. Bei der Übervölkerung handelt es sich also um einen

N Vgl. dazu B. Harms, Strukturwandlungen d. Weltwirtschaft, Weltwirtschaftl.
Arch,, Bd. 25. — YVı Zwiedeneck-Südenhorst, Beiträge zur Erklärung d.
strukturellen Arbeitslosigkeit, Vierteljahrsh. z. Konjunkturforsch., 10927, Ergänzungsheft
 I.
            
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