268 BR Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Zustand, bei dem das zahlenmäßige Verhältnis der Volkszahl gegenüber
dem Nahrungsspielraum im Vergleich zu einer vorangegangenen
Zeit ungünstiger geworden ist. Man hat freilich den Begriff der
Übervölkerung auch schon enger fassen wollen. So wollte Neisser
nur dann von einer Übervölkerung sprechen, „wenn bei aller zu
dieser Zeit denkbaren Verbesserung der sozialen Organisation und
Produktionstechnik Behebung der Produktionsschwierigkeit nicht zu
erwarten wäre?!). Sicherlich hat auch eine solche Betrachtungsweise
des Problems einen bestimmten heuristischen Wert; eine solche
Fassung wird jedoch praktisch deshalb auf Schwierigkeiten stoßen,
weil wir uns, wie schon einmal hervorgehoben, in keinem Zeitpunkt
von den noch möglichen uud nach dieser Richtung hin auch wirksamen
Wandlungen. in der gesellschaftlichen. Organisation und
Produktivität ein ausreichendes Bild machen können. Es sei nur
einstweilen auf den noch später zu besprechenden Zusammenhang
bestimmter Wirtschaftssysteme mit der Größe des Nahrungsspielfaumes
verwiesen.
Aus dem zahlenmäßigen Verhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
;ergeben sich also die Wirkungen, die für die Erscheinung
der Übervölkerung in Frage kommen. Dabei sei es einem folgenden
Abschnitt vorbehalten, die Faktoren zu untersuchen, von denen die
Größe und die Sicherheit des Nahrungsspielraumes, denn
auch auf diese kommt es dabei an, abhängt. Freilich ergeben sich
auch noch andere Schwierigkeiten, wenn man in einer solchen Weise
die Wandlungen in der durchschnittlichen Lebenshaltung als ausschlaggebendes
Merkmal dafür ansieht, ob man von einer Übervölkerung
sprechen kann oder nicht. Denn man kommt dann ganz unvermeidlich
dazu, für ein Land mit höherer, aber aus den dargelegten Gründen
rückläufiger Lebenshaltung, von einer Übervölkerung sprechen zu
müssen, während davon bei einem Lande mit niedrigerer, aber aufsteigender
Lebenshaltung keine Rede sein könnte. Unter Umständen:
käme man sogar dahin, bei einem Lande mit niedrigerer, aber aufsteigender
Lebenshaltung von einer Untervölkerung, bei einem Lande
mit höherer, aber sich verschlechternder Lebenshaltung, von einer
Übervölkerung sprechen zu müssen. Aber diese doch nur scheinbaren
Widersprüche muß man mit in den Kauf nehmen, wenn man ZU
Symptomen der Übervölkerung kommen will, die unter den heutigen
Verhältnissen einen gewissen Erkenntniswert besitzen sollen. In jeder
1) Neisser, Das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag u. d. wirtschaftl. Entwicklung,
Arch. f. Sozialw., Bd. 49. S. 464.