Full text : Bevölkerungslehre

270 Zweiter systematisch-theoretischer Teil .
Formen der Übervölkerung in solchen Ländern andere Verhältnisse,
als dort, wo die einzelnen Länder aus Mangel an Verkehrs- und
Austauschmöglichkeiten in ihrer Versorgung mit Nahrungsmitteln
nur auf die Erträge des eigenen Bodens angewiesen waren und in
Zeiten des Mangels keine Zufuhr von außen kommen konnte. Mit
diesen Wandlungen hängt es in erster Linie zusammen, daß sich
bei den heute in den Weltverkehr verflochtenen Ländern ein Zuviel
an Menschen, d. h. eine Übervölkerung nicht mehr in einem allgemeinen
 Nahrungsmangel, sondern in einem Mangelan Arbeitsgelegenheit
 zeigt. Dort, wo es im Zeitalter der Weltwirtschaft
gelingt, dem Volkszuwachs in dem Maße, wie er in das arbeitsfähige
Alter hineinwächst, genügende und genügend entlohnte Arbeitsgelegenheit
 zu beschaffen, da kann es kein Zuviel an Menschen geben.
Dabei sei es zunächst ganz dahingestellt, ob diese vorhandene und
zusätzliche Arbeitsgelegenheit sich auf einer Beschäftigung für den
inneren oder für den äußeren Markt aufbaut. Dort, wo es in den
modernen Kulturstaaten Leute gibt, die nicht über die notwendigen
Lebensmittel verfügen, kommt dies nicht daher, daß es in dem betreffenden
 Lande überhaupt an Nahrungsmitteln fehlt, sondern daher,
daß diese Leute als Folge mangelnder oder unzureichend entlohnter
Arbeitsgelegenheit nicht die erforderliche Kaufkraft besitzen, sich das
zum Leben Notwendige zu beschaffen. Für solche Länder zeigt sich
demgemäß die Übervölkerung vor allem in einer ungünstigen Lage
auf dem Arbeitsmarkt, in einer großen Zahl von Arbeitslosen. Daß
sich dies dann in einem Rückgang der allgemeinen Lebenshaltung
auswirken muß, selbst dann, wenn die Arbeitslosen aus öffentlichen
Mitteln in irgendeiner Form unterstützt werden, bedarf keines besonderen
 Nachweises,
So tritt die Erscheinung der Übervölkerung, wenn auch geschichtlich
 in verschiedenen Formen, als Folge von Wandlungen
in dem Größenverhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum auf.
Daraus ergibt sich gewissermaßen von selbst der Gegenstand der
folgenden Betrachtungen: die Untersuchung der Tendenzen, die sich
in dem Wachstum der Bevölkerung zeigen, der Formen, in denen
sich dieses Wachstum vollzieht und der Faktoren, die darauf einen
Einfluß ausüben; demgegenüber dann eine entsprechende Untersuchung
 für das vielgestaltige Problem des Nahrungsspielraums. Allerdings
 hängen beide — Volkswachstum und Nahrungsspielraum —
in ihren Größenverhältnissen und ihren Wandlungen auf das engste
miteinander zusammen; zwischen beiden bestehen, wie schon die geschichtliche
 Betrachtung gezeigt hat, die engsten Wechselbeziehungen.
            
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