2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 271
Es läßt sich aber nicht umgehen, in den folgenden Untersuchungen
zunächst beide Erscheinungen voneinander getrennt zu behandeln,
wobei aber doch immer wieder an den geeigneten Punkten auf diese
inneren Zusammenhänge hingewiesen werden soll.
Volkszahl und Volkswachstum.
. Die Stärke des Volkswachstums. — Malthus hatte
die Behauptung aufgestellt, daß die Bevölkerung die Tendenz habe,
sich in geometrischer Progression zu vermehren. Schon Ludwig
Moser hat wohl als erster auf das grundsätzlich fehlerhafte einer
solchen Betrachtungsweise hingewiesen: „Man gerät in der Tat in
Verlegenheit“, sagte. er, „wenn man ein Urteil über die Hypothese
der jährlichen Volkszunahme in einem geometrischen Verhältnis ab-
geben soll. Wie hat man zu dieser weitverbreiteten Methode ge-
langen können? Ein Kapital vermehrt sich in einem geometrischen
Verhältnis, wenn Zins vom Zins gerechnet wird, weil die Zinsen jedes
Jahres im nächstfolgendem als Kapital wirken und ihrerseits zu
dessen Vermehrung durch Zinsen beitragen. Was hat aber dieser
Fall mit einer Bevölkerung gemein, in welcher ein Überschuß von
Geburten stattfindet? Sollen die in einem Jahre mehr Geborenen
als solche betrachtet werden, die im nächsten Jahre ihrerseits Kinder
erzeugen“ !)? Wohl darauf aufbauend hat dann einige Jahrzehnte
später G. Rümelin genauer dargelegt ®), daß und warum es von
seiten von Malthus ein Irrtum gewesen sei, anzunehmen, daß,
wenn in jeder Ehe vier Kinder geboren werden, sich die Zahl der
Menschen in 25 Jahren verdoppeln werde. Demgegenüber hat er
darauf hingewiesen, daß die menschliche Gesellschaft nur zu etwa
einem Drittel aus Personen im zeugungsfähigen Alter bestehe, Statt
dessen ging Rümelin davon aus, daß für die Fortpflanzung tat-
sächlich .nur 22 Jahresklassen der weiblichen Bevölkerung in Frage
kämen, etwa die Jahresklassen von 19 bis 41 Jahre, das sind 165
auf 1000 der Gesamtbevölkerung. Nimmt man davon 150 als für
die Fortpflanzung geeignet an und rechnet man im günstigsten Falle,
wie es Rümelin unter den damaligen Verhältnissen tun mußte,
mit einer Sterblichkeit von 20 auf 1000, die natürlich mit steigender
Geburtenzahl selbst höher werden muß, so kommt man mit Rümelin
Zweites Kapitel.
!) L. Moser, Die Gesetze der Lebensdauer, 1839.
2) G. Rümelin, Über die Malthus’schen Lehren, a. a. O.