i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 269
Begriffsbildung liegt der Natur der Sache nach eine gewisse Willkür,
man muß die Begriffe aber so bilden, daß sie den Zuständen und
Fragen gegenüber, auf die sie angewendet werden sollen, ein gewisses
Maß von Brauchbarkeit besitzen. Das ist aber dann der Fall, wenn
man als Symptom der Übervölkerung einen länger andauernden
Rückgang in der allgemeinen Lebenshaltung ansieht, der aus Ändefungen
in dem Größenverhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
zu erklären ist. .
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich bereits, daß sich im Laufe
der geschichtlichen Entwicklung die Übervölkerungserscheinungen
stark gewandelt haben. Wenn das dabei Maßgebende auch immer
diese Änderungen in dem Größenverhältnis zwischen Volkszahl und
Nahrungsspielraum mit ihrem Einfluß auf -die Lebenshaltung gewesen
sind, so haben sich dabei doch im Laufe der Geschichte nicht unwesentliche
Wandlungen vollzogen. -Das mußte schon deshalb der
Fall sein, weil sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung die
Lebenshaltung der Bevölkerung immer mehr über das physiologische
Existenzminimum hinaus erhoben hat. Es wär schon oben davon
die Rede, daß dort, wo die Bevölkerung, wie auf primitiven Stufen,
in ihrer Lebenshaltung mehr oder weniger auf dem physischen
Existenzminimum steht, man recht wohl mit Malthus das Eintreten
tepressiver Tendenzen als Merkmal einer vorhandenen Übervölkerung
betrachten kann, daß aber dieser Maßstab für die heutigen Kulturvölker
nicht mehr in Frage kommt.
Aber noch dort, wo wir, wie im Mittelalter und noch tief hinein
bis in unsere Tage, immer wieder sich in kurzen Zeitabständen wiederaolenden
Hungersnöten und Teuerungen begegnen, haben wir es
mit plötzlichen und starken Einschnürungen des Nahrungsspielraumes
einer vorhandenen Volkszahl gegenüber zu tun; die starke Sterblichkeit,
die dabei immer einsetzte, zeigt deutlich, daß man sogar bis
in diese Zeiten das Walten repressiver Hemmnisse beobachten kann.
Es war ein unmittelbarer Mangel an Nahrungsmitteln, der sich dabei
noch im 19. Jahrhundert in mehr oder weniger großen Gebieten
unserer Kulturstaaten zeigte und der dann einen unmittelbaren Druck
auf die Lebenshaltung ausübte; das sind Zustände, wie wir sie heute
vor allem in außereuropäischen Staaten — in erster Linie immer
wieder in Indien — beobachten können.
Ganz anders liegen dagegen die Verhältnisse heute in den
modernen Kulturstaaten, denen durch die Verflechtung in den Weltverkehr
grundsätzlich die Nahrungsmittel der ganzen Erde als Versorgungsquelle
dienen können, Damit ergeben sich für die äußeren