Full text : Bevölkerungslehre

4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. A6I

Prinzip fehlt in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung, trotzdem
auch in ihr die Produktion unweigerlich das Ergebnis der drei
Faktoren: Boden, Arbeit und Kapital, sein wird. Zunächt kann
die Leitung einer derartigen Gemeinwirtschaft gar nicht wissen, —
worauf neuerdings vor allem Halm hingewiesen hat‘) — was von
den Preisen der fertigen Güter auf Zins, Arbeitslohn und Unternehmergewinn
 entfällt; das ist um so weniger möglich, wenn dabei,
wie es der Sozialismus tut, von der Arbeitskostentheorie ausgegangen
wird. Brutzkus hat auf Grund der Erfahrungen, die man in den
letzten Jahren in Rußland gemacht hat, auf das gleiche hingewiesen
und. dargelegt ?), daß seiner Meinung nach der sozialistische Staat
selbst mit dem ganzen Rüstzeug der wissenschaftlichen Theorie und
eines „statistischen Riesenapparates nicht imstande Sei, den Bedarf
seiner Bürger zu ermessen, nicht imstande sei, ihn abzuwägen und
daher auch nicht in der Lage sei, der Produktion die erforderlichen
Direktiven zu geben“.
Man sieht jedenfalls, daß den oben dargelegten Vorzügen
einer vom Bedarfsprinzip ausgehenden, zentralistisch geleiteten Gemeinwirtschaft
 auch schwere Nachteile gegenüberstehen, die wohl
imstande sein können, jene Vorzüge mehr als auszugleichen. Die
Verhältnisse liegen keineswegs so, wie manche Idealisten annehmen,
daß man den Charakter der heutigen Wirtschaft als Verkehrs- und
Marktwirtschaft beseitigen, den Erwerbsgedanken als treibende
Kraft ausschalten und doch die ökonomisch rationalen Errungenschaften
 der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung mit dem gleichen
Erfolg beibehalten kann. Bei der Kritik der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung
 hat man von jeher immer wieder auf ihre sozialen
und unstreitig vorhandenen Schattenseiten verwiesen. Man hat es
aber von diesen Seiten auch immer wieder versäumt, jenen gesellschaftlichen
 Mängeln die positiven wirtschaftlichen Leistungen der
vorhandenen Wirtschaftsordnung gegenüberzustellen. Bei all diesen
Gedankengängen von Sozialisten und Sozialreformern hat man es
mit gesellschaftlichen, aber nicht mit ökonomischen Systemen zu
tun. Man wird gern zugeben, daß für die Größe des Sozialprodukts
auch die gesellschaftliche Ordnung eine wesentliche Rolle spielen
kann. Aber so liegen die Dinge doch nicht, daß Wandlungen in
der vorhandenen Ordnung unbedingt einen günstigen Einfluß auf das
Sozialprodukt und damit auf den Nahrungsspielraum ausüben werden;
vielmehr spricht sehr vieles dafür, daß das Gegenteil der Fall sein kann.
VL
1) Die Konkurrenz, 1929.
2) Die Lehren des Marxismus im Lichte d. russischen Revolution, 1928.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.