4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 463
Kommt es in den europäischen Kulturstaaten — wofür ja vieles
zu sprechen scheint — zu einer beträchtlichen Verlangsamung
des Volkswachstums, vielleicht sogar zu einer Stagnation oder zu
einem Rückgang der Volkszahl, dann entfallen damit wichtige Voraussetzungen,
aus denen wir die neuere wirtschaftliche Entwicklung
zu erklären und die gegenwärtige Wirtschaftsordnung zu rechtfertigen
haben. Eine der allerstärksten Kräfte, die seit Beginn der Neuzeit
umwälzend und vorwärtstreibend auf den Gang und die Organisation
der europäischen Wirtschaft eingewirkt haben, wird damit in Fortfall
kommen und dann können vielleicht auch Änderungen der
gesellschaftlichen Ordnung wirtschaftlich erträglich werden. Es ist
vielleicht auch einmal mit der Möglichkeit zu rechnen, daß dann jener
oben dargelegte Austausch zwischen Boden und Arbeit im internationalen
Handel für die Lebensmöglichkeiten der europäischen
Bevölkerung an Bedeutung verliert, daß damit dann jene oben beschriebenen
Gefahren, die für die europäischen Industriestaaten damit
verbunden sind, geringer werden und daß dann auch der scharfe
Stachel der internationalen Konkurrenz für unser Leben an Bedeutung
abnimmt. Dann kann vielleicht das eintreffen, was Sombart
in den schon einmal zitierten Worten über die Wandlungen im
Kapitalismus gemeint hat: „Es wird eine Rückbildung der europäischen
Länder in den Strukturverhältnissen ihrer Volkswirtschaft
stattfinden, die das Verhältnis der landwirtschaftlich und nichtlandwirtschaftlichen
Bevölkernng zum Ziele hat, wie es etwa in Deutschland
1882 bestand: 40%, landwirtschaftliche Bevölkerung. Die weltwirtschaftlichen
Beziehungen zwischen den Völkern werden dadurch
noch weiter einschrumpfen“ *).
Wenn das Volkswachstum relativ zurückgeht, dann werden wir
nicht mehr die gleichen Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft und die wirtschaftliche Tatkraft des einzelnen stellen
müssen, wie in der Zeit des starken Volkswachstums, wie es die
letzten Menschenalter erlebt haben. Es mag sein, daß dann wenigstens
von diesem Standpunkt aus eine gesellschaftliche Ordnung unbedenklich
erscheint, bei der das Schwergewicht mehr auf der kulturellen
als auf der rein ökonomischen Seite liegt.
1) a. a. OO, S. 247.