Full text : Bevölkerungslehre

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 49

Viertes Kapitel.

Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen
Geschichte.

ı. Bis zum Beginn der Neuzeit.
Man kann sagen, daß die Wanderbewegungen den Hauptinhalt
der germanischen Frühgeschichte gebildet haben. Schon im dritten
vorchristlichen Jahrhundert haben germanische Scharen den Rhein
überschritten und um die Mitte des zweiten Jahrhunderts haben die
Cimbern und Teutonen ihre nordische Heimat verlassen. Sie
waren die ersten germanischen Völkerschaften, die mit den Römern
in kriegerische Berührung kamen. In den Schlachten bei Aquä
Sextiä und auf den raudischen Feldern bei Vercellä sind sie den
römischen Heeren unter der Führung des Marius unterlegen.
Einige Jahrhunderte hindurch hören wir nun fortdauernd von germanischen
 Wanderungen, die vor allem den Rhein und Gallien zum
Ziele hatten, um sich dann in späterer Zeit über Italien. Spanien und
den Balkan, ja, bis Afrika auszubreiten.
So mannigfaltig im einzelnen auch die Motive und die treibenden
Kräfte dieser Wanderungen gewesen sein mögen, so herrscht doch
Übereinstimmung darüber, daß ihnen bestimmte Spannungsverhältnisse
zwischen Wirtschaft und Bevölkerung zugrunde gelegen haben.
Das brauchte dabei keineswegs von allen germanischen Stämmen
in gleicher Weise zu gelten. Denn auch hierfür gelten die Worte
Ratzels: „Jede Bewegung eines Volkes in einem bevölkerten Land
drückt auf ein anderes Volk und wenn dieses, dem Drucke nachgebend,
 sich bewegt, erteilt es einem Dritten Bewegungsstöße“ !).
Denn jede Bewegung in einem lebenserfüllten Raume ist Verdrängung.
So sagt z. B. L, Schmidt, daß die Wanderung und Ausbreitung
der Goten um das Jahr 100 nach Chr. in erster Linie die Burgunder
 betroffen habe, daß diese hinwiederum auf die Semnonen
und Lugier drückten, daß diese nun ebenfalls in Bewegung gerieten
und damit ihre Südnachbarn, die Markomannen, Quaden und Jazygen
in Aufruhr versetzen ?). Während man früher allgemein — einer
Mitteilung Strabos folgend — der Meinung gewesen war, daß die
Abwanderung der Cimbern und Teutonen aus ihren alten Sitzen
in Skandinavien auf eine Sturmflut zurückzuführen sei, neigt die

!) Ratzel, a. a. O., S. 141.
2) L. Schmidt, Geschichte der germanischen Frühzeit, 1925 S. 178.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Ba. 16. 1
            
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