4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 51
Über die wirtschaftlichen Verhältnisse bei den alten Germanen
in dieser Zeit, vor allem über die Agrarverfassung, herrschen
beträchtliche Meinungsverschiedenheiten !), Es sind das Fragen, auf
die an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden kann. Für
die uns hier interessierende Frage ist allein wesentlich — worin
auch Übereinstimmung herrscht — daß zur Zeit Cäsars die Viehzucht
noch das Übergewicht hatte. Wenn auch damals die Germanen
keine Nomaden mehr waren, so hatten sie jedenfalls erst eine geringe
Bodenbeständigkeit. Die uns überlieferten Nachrichten, daß das bewirtschaftete
Land einem jährlichen Wechsel unterliege, zeigt jedenfalls,
daß der Ackerbau damals noch keine große Rolle spielte und
in recht extensiver Form betrieben wurde. Etwa 150 Jahre später
hat uns Tacitus ebenfalls die wirtschaftlichen Zustände bei den
Germanen beschrieben. In dieser Zeit hat jedenfalls schon Sondereigentum
am Boden bestanden, während das für die Periode, die
Cäsar beschreibt, zweifelhaft ist. Auch der Ackerbau hat an Bedeutung
zugenommen und die Bevölkerung ist in dieser Zeit seßhafter
geworden. Man darf mit Recht annehmen, daß die Ausbildung
des Sondereigentums am Boden die Folge dieser größeren
Seßhaftigkeit gewesen ist?). Von Osten drängten immer andere
Völkerschaften nach, im Westen zog die römische Macht Grenzen,
die immer schwerer zu durchbrechen waren, da blieb bei steigender
Volkszahl, wenn man dem Hunger entgehen wollte, nichts anderes
übrig, als seßhaft zu werden und dem Ackerbau mehr Sorgfalt und
Arbeit zu widmen. „Denn so weit wir die Geschichte verfolgen,
können wir bei keinem Stamm nachweisen, daß er freiwillig den
Übergang von der relativ bequemen Viehzucht zum anstrengenden
Ackerbau vollzogen hat. Aber die Zeit kam auch für die Germanen
und zwar, als die Römer mit jener eisernen Kette die Grenzen verhängten
und es den Germanen, die bis dahin in einer Vorwärtsbewegung
nach Westen begriffen waren, verwehrten, den Rhein zu
überschreiten“ ®, „Die Landnot der Germanen“ *, so hat F. Dahn
eine kleine Schrift genannt, in der er diese Wanderungen behandelt
hat. „Der Hunger, der Mangel an Nahrungsmitteln, herbeigeführt
1) Vgl. dazu die Zusammenfassung bei R. Kötzschke, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte
des Mittelalters, 1924, S. 65
2?) Vgl. dazu S. Riezler, Die Landnahme der Bajuvaren, Sitzungsberichte der
bayrischen Akademie der Wissenschaften, Jahrg. 1920, 1921, S. 43.
3 Hartmann, Der Untergang der antiken Welt. Weltgeschichte a. a. O..
S. 260,
%) Leipzig 1889, S. 9 u. 23,