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Erster geschichtlicher Teil
neuere Forschung doch dazu, weniger Seenot als Landnot zur Erklärung
heranzuziehen, eine Auffassung, die auch durch Zeugnisse
aus dem Altertum unterstützt wird und auf welche vor allem
Norden hingewiesen hat 3.
Es handelt sich also hierbei um die gleichen Triebkräfte, die
wir bereits bei den Kolonisations- und Ausdehnungsbestrebungen in
Griechenland und Rom kennen gelernt haben. L. Schmidt sagt
von der wirtschaftlichen Verfassung bei den Germanen, daß das von
einem Stamme okkupierte Land auf die Dauer nicht zum Unterhalt
Aller ausreichen konnte, wenn die Bevölkerung sich vermehrte.
„Den so entstehenden Nahrungssorgen zu entgehen, gab es drei
Auswege: Auswanderung, Übergang zu einer höheren Stufe des
Ackerbaues, Erwerbung von Knechten und Hörigen, denen die Aufgabe
intensiverer Bodenbenutzung zur Ernährung ihrer Gebieter zufallen
sollte. Gegen die Anwendung des zweiten Mittels haben sich
die Germanen besonders lange gesträubt, da es dem Krieger unbequem
war und unwürdig erschien, selbst, wie es nunmehr nötig
gewesen wäre, Hand an den Pflug zu legen; eine Vermehrung des
Kulturlandes innerhalb der Stammesgrenzen durch Roden der Wälder
und Austrocknen der Sümpfe war aber ausgeschlossen, da es in jener
frühen Zeit an geeigneten Werkzeugen gänzlich gebrach. Es waren
in der Regel nur einzelne Gaue einer Völkerschaft, die auf Grund
seines Volksbeschlusses das Stammesgebiet verließen, um den Daheimbleibenden
Raum für die Fortführung ihrer Wirtschaft in der hergebrachten
Weise zu schaffen“ 2).
Gerade diese stoßweise Wanderung weist deutlich auf die dafür
maßgebenden Triebkräfte hin: „Daraus ergeben sich nahezu dreißigjährige
Perioden für das Vordringen solcher Auszüge aus dem Inneren
Deutschlands, Sie sind durch die Kleinheit des Gebiets und das
den Römern wohlbekannte Anwachsen der Bevölkerung völlig erklärt“®%).
In Prokops „Vandalenkrieg“ heißt es: „Als die Vandalen
einst, von Hunger getrieben, ihr Heimatland verlassen wollten, blieb
ein Teil von ihnen ... in den alten Sitzen. Mit der Zeit hatten
die Zurückgebliebenen reichlichere Ernten ... Jene freuten sich,
daß für sie nun das Land hinlänglich Nahrung bot“ 4).
') E. Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus’ Germania, 10923,
S, 468/60.
?) L. Schmidt, Allgemeine Geschichte der germanischen Völker, 1909, S. 25.
% A. Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ostgermanen.
Bd. ı, 1895, S. 386,
*) Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Lief, 73, 1885, S. 46.