Full text : Bevölkerungslehre

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 53
Dichtigkeitszahlen nicht mit neueren vergleichen. Denn man muß,
was ganz besonders für die damaligen Verhältnisse Germaniens gilt,
berücksichtigen, daß ein weit größerer Teil des Landes mit Wald
überzogen und mit Sumpf und Mooren bedeckt war, als das heute
der Fall ist. Da wir nun gar nichts Genaueres über die Größe
und Beschaffenheit des damals besiedelten Gebietes wissen, so können
wir auch für die vorliegenden Zusammenhänge mit solchen Zahlen,
wie den eben gegeben, sehr wenig anfangen.
Der Wunsch der germanischen Völkerschaften, von den Römern
Land zur Siedlung angewiesen zu erhalten, ist in späterer Zeit, wenn
auch vielfach unter dem Drucke der germanischen Invasion, erfüllt
worden. Zum Teil hat es sich auch dabei um Gebiete gehandelt — es
sei nur an die Ansiedelung der Goten auf dem Balkan erinnert —
die damals stark an Entvölkerung litten. Ein großer Teil der eindringenden
 Germanen hatte auch in den römischen Heeren Waffendienst
 genommen und damit die Unterwerfung des Römerreiches
unter die nach Italien vordringenden Stämme der Goten, Alanen
und Vandalen vorbereitet. Wenn diese Unterwerfung gelang, so
hing das in erster Linie auch damit zusammen, daß den Römern
die Leute fehlten, um den eindringenden Germanen mit Erfolg entgegentreten
 zu können. So groß auch die Zahl der nach Italien eindringenden
 Germanen war, so konnten sie doch dem dort herrschenden
 Menschenmangel mit seinen wirtschaftlichen Folgen nicht abhelfen.
 Sie rückten ja nicht an die Stelle der arbeitenden Kolonen,
sondern an die der Großgrundbesitzer, denen ein Teil ihres Bodens
abgenommen wurde. Es kam noch hinzu, daß die Menschenverluste
in den Gotenkriegen gewaltig groß waren. Hartmann hat sie
nach Millionen berechnet ?).
Tacitus hatte den damaligen germanischen Ackerbau mit den
Worten gekennzeichnet: „Et superest ager“. Daraus geht hervor,
daß nicht das ganze zur Verfügung stehende Land regelmäßig angebaut
 worden ist. Ob es sich dabei, wie man früher annahm, um
eine rohe Feld-Graswirtschaft gehandelt oder ob der Ackerbau
nicht schon einen geregelteren Charakter getragen hat, sei nicht
weiter erörtert?) Es steht nur fest daß es sich jedenfalls hierbei
um eine recht extensive und verschwenderische Art der Bodenbestellung
 gehandelt hat.

') L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter, Bd. 1, 1897, S. 353/55.
*) Vgl. dazu die Darlegungen bei Dopsch, Wirtschaftliche und soziale Grundlagen,
 a. a. O., Bd. 1, S. 68ff.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.