fullscreen: Theoretische Sozialökonomie

$ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. 9 
allgemeinste Voraussetzung ist dann, daß diese Geldsysteme voneinander 
unabhängig sind. Wir dürfen also davon ausgehen, daß die wirtschaft- 
liche Selbständigkeit jedes Landes in erster Linie in einer selbständigen 
Valuta zum Ausdruck kommt. Wir können uns diese Valuta als eine 
freie Papiervaluta denken, die das Land durch eine geeignete Zahlungs- 
mittelversorgung autonom reguliert. Der internationale Handel ist 
dann wesentlich als ein Handel zwischen Ländern mit selbständigen 
Valuten aufzufassen. Mit dieser Begriffsbestimmung treffen wir den 
Kern der neuen Erscheinungen, die wir zu analysieren haben, wenn wir 
das Studium der Preisbildung über ein einheitliches Gebiet hinaus aus- 
dehnen wollen. Es zeigt sich, daß diese Auffassung des Wesens des 
internationalen Handels sehr geeignet ist für eine Darstellung der 
Theorie desselben, und wir wollen die angegebene Begriffsbestimmung 
als den Ausgangspunkt für die folgenden Untersuchungen wählen. 
Goldwährungsländer haben gewissermaßen eine gemeinsame Grund- 
lage ihrer Valuten. Im wesentlichen sind aber solche Valuten nach der 
in diesem Werke vorgeführten Auffassung als selbständige Papiervaluten 
aufzufassen, die bewußt so reguliert werden, daß sie in ungefährer 
Parität mit Gold und dadurch auch mit anderen Goldwährungen auf- 
rechterhalten werden. Dieser Fall ist somit als ein Spezialfall unserer 
allgemeinen Voraussetzung selbständiger Valuten aufzufassen, ein 
Spezialfall, der dadurch gekennzeichnet wird, daß ein spezielles Ziel 
für die Regulierung der Valuta gesetzt wird. 
Es kommt zuweilen vor, daß selbständige Länder wie man sagt 
eine „gemeinsame‘‘ Valuta haben. Dies war z. B. vor dem Kriege mit 
den skandinavischen Ländern der Fall, sowie auch mit den Ländern 
der lateinischen Münzunion. Solche Länder haben aber in Wirklich- 
keit jedes für sich eine selbständige Valuta. Jedes Land ist für die 
Aufrechterhaltung seiner Valuta in der bestimmten Parität verant- 
wortlich und muß zu diesem Zweck eine eigene Valutapolitik treiben. 
Auch wenn die Einheit auf dem Gebiete des Geldwesens so weit geht, 
daß die verschiedenen Valuten der Union immer al pari gekauft und 
verkauft werden, wie dies in der früheren skandinavischen Münzunion 
auf Grund eines Übereinkommens zwischen den Zentralbanken geschah, 
so besteht dennoch dieses wesentliche Merkmal einer selbständigen 
Valuta. Die verschiedenen deutschen Staaten sind dagegen im hier 
gedachten Sinne keine selbständigen Einheiten. Denn sie haben in 
Wirklichkeit eine gemeinsame Valuta, die von einer einzigen Organi- 
sation, der Reichsbank, beherrscht wird. Die Vereinigten Staaten von 
Nordamerika haben zwar nach außen eine einheitliche Valuta. Es war 
aber lange ein Problem, die Dollarvaluten der verschiedenen Staaten 
in Parität miteinander zu halten. Nach der Errichtung des Federal 
Reserve Systems ist dieses Problem allmählich gelöst worden. Da 
‚dieses System unter der obersten Leitung des Federal Reserve Boards 
C assel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl. 39 
eu.
	        
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