Achter Abschnitt.
Das spätere Mittelalter (13.—15. Jahrhundert).
Die überwiegende Mehrzahl der wirtschaftsgeschichtlichen
Darstellungen?) läßt die Zeiten des späteren Mittelalters als eine
Periode fortgesetzten Rückganges der Naturalwirtschaft und eben
solchen Vordringens der Geldwirtschaft erscheinen. Und in der
Tat konnte vom Standpunkt der vorherrschenden Theorie, daß
im 12. Jahrhundert eine völlige Umwälzung in dem Landwirtschaftsbetriebe
stattgefunden habe, eine solche Annahme nur als
die logische Konsequenz dieser neuen Organisationsformen betrachtet
werden. War einmal der Eigenbetrieb selbst aufgelassen
und das Hauptinteresse der Grundherrschaften nunmehr auf den
Bezug fester Renten gerichtet, dann war auch die Umwandlung
der Naturalzinse in Geldzinse anscheinend nur eine Frage der
nächsten Zeit. Sie überhob die Grundherrschaften zugleich der
schwerfälligen Einbringung und Aufsammlung dieser Naturalzinse
und brachte, ohne die Einbußen, welche schlechte Ernteergebnisse
und äußere Einflüsse (Krieg, Klimaschwankungen u.s.w.) bewirken
konnten, direkt bares Geld in die Zentralkassen der
großen, stets geldbedürftigen Grundherren. „Die Naturalzinse der
Bauern werden in Geldzinse umgewandelt.“ (Sombart.) Das Aufblühen
und die Ausbreitung des Städtewesens, die zunehmende
Steigerung von Handel und Verkehr taten nach dieser herkömmlichen
Lehre ein übriges, um ein völlig neues Zeitalter, das der
Geldwirtschaft, am Ausgang des Mittelalters etwa, zur Reife zu
1) Abgesehen von noch älteren Werken sind da hauptsächlich zu nennen:
K. Lamprechts Deutsches Wirtschaftsleben im MA. ı, 2, 862 ff. (1886);
H. Pirenne, Le livre de Pabb& Guillaume de Ryckel (1249—1272) 1896, Introduction;
v. Inama-Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgesch. III, x, 203 U- 265 (1899),
endlich W. Sombart, Der moderne Kapitalismus 1, 103 (1921) und J. Kulischer,
Allgem. Wirt. Gesch. 1, 111 (1928).