Zehnter Abschnitt.
Die politischen Auswirkungen: Lehenswesen und
Kapitalismus.
Auf Grund der Darlegungen über das Vorkommen von
Natural- und Geldwirtschaft in den einzelnen Zeitepochen sowie
bei den verschiedenen Völkern werden wir nun auch die Folge-
wirkungen richtiger abschätzen können, welche diese Wirtschafts-
formen in politischer Beziehung ausgeübt haben*). Ist die feudale
Verfassung und speziell das Lehenswesen wirklich der normale
Ausdruck der Naturalwirtschaft in politischer Beziehung, ander-
seits aber der Kapitalismus durch die Geldwirtschaft hervor-
gerufen, ja bedingt? Prüfen wir die historischen Tatbestände beı
den verschiedenen Völkern und Staaten unter diesem Gesichts-
punkt, so muß von vornherein betont werden, daß das Lehens-
wesen eine Erscheinung ganz internationaler Art ist, die seit den
ältesten Zeiten bereits und überall auf der Erde vorkommt.
Das Lehenswesen läßt sich in China schon im ır. Jahr-
hundert v. Chr. nachweisen und verfolgte dort unter anderem
auch den Zweck, den Grenzen des Staates militärischen Schutz zu
gewähren?). Die Vergabung von Landgebieten zu unbeschränkter
Nutzung, aber nicht zu vollem Eigentum — denn der Verleiher
behielt das Obereigentum —, war mit der Sippenordnung der
Herrengeschlechter Altchinas verbunden. Auch die Ahnen-
verehrung spielt hinein. Für den Unterhalt der Ahnentempel und
die Darbringung der Opfer sind Landgebiete nötig. Die Ver-
leihung erfolgte vor allem an die erwachsenen Familienmitglieder
des Kaisers. Der Lehensfürst hatte in seinem Gebiete die unbe-
') Vel. oben im x. Abschnitt den Schluß. .
>) Vgl. O. Franke, Zur Beurteilung des chinesischen Lehenswesens. Sitz,
Ber. d. Preuß. Akademie, philos.-histor. Kl. 1927, S. 359 ff.