Contents: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
Denn was besagt die Lehre Darwins? Sie weist einmal un— 
widerleglich nach, daß die heute lebenden Formen tierischer und 
pflanzlicher Organismen sich in ununterbrochener allmählicher 
Wandlung aus früheren, weit einfacheren Formen entwickelt 
haben; und sie sucht zweitens die Wirkung gewisser mechanischer 
Prinzipien, so vor allem des der natürlichen Auslese, als zur 
Erklärung der stattgehabten Vorgänge ausreichend zu er— 
weisen. Nun versteht sich, wie ungeheuer der Rückschlag schon 
der Lehre von der kontinuierlichen Entwicklung der Lebe— 
wesen an sich auf die Ethik sein mußte. Die Organismen 
nicht mehr in ihrem Wesen stetig —: was blieb da noch stet? 
Es war eine dumpfe, erst allmählich empfundene Wirkung auf 
die Geister, ähnlich jener der Lehre des Koppernikus, daß die 
Erde nicht mehr das Centrum der Welt sei, wie man so lange 
geglaubt, sondern ein kleiner Körper, der sich in und mit einer 
Fülle von Welten bewege. Und vor allem die sittlichen Be— 
griffe traf Darwins Behauptung. Jene Begriffe, von denen 
man bisher geglaubt hatte, daß sie droben hangen unveräußer— 
lich, die elementarsten sittlichen Normen, — waren denn auch 
sie etwas erst Gewordenes? und also Veränderliches? 
Und weiter noch: beseitigte nicht das Mittel zur Entwick⸗ 
lung der Variabilität, der ‚,Kampf ums Dasein“, alle ethischen 
Vorstellungen überhaupt? Und ergab nicht die ganze Lehre, 
wie sie in dem Buche von der Abstammung des Menschen 
(1871) auf einen untermenschlichen Ursprung unserer Gattung 
hinauszulaufen schien, die Unmöglichkeit jeder metaphysischen 
Verankerung sittlicher Begriffe? Es waren Bedenken, die sich 
vor allem in der breiten Masse jener Gebildeten geltend machten, 
die in die tieferen Gründe der Lehre Darwins nicht weiter 
eindrangen. 
Etwas abgeschwächt wurde das Ungeheure der Wirkung 
der gesamten Lehre durch den Umstand, daß schon vor Darwin 
die Entwicklung der Arten vielfach als eine überaus wahrschein— 
liche Hypothese, ja halb erkannte Thatsache geahnt und vorgetragen 
worden war, ja daß man aus ihr und aus den zu ihrer Er— 
klärung aufgestellten Vermutungen sogar schon einige neue
	        
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