fullscreen: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Der Staatssozialismus. 
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Politiker, der zum Volk spricht, und einen Theoretiker des Studierzimmers; 
der Theoretiker äußerst kühn, der Politiker mehr opportunistisch. Seine 
Zeitgenossen haben nur den Politiker gekannt. Seine seitdem veröffent 
lichten Briefe zeigen, daß man der von ihm vorgeschlagenen Reform nicht 
mehr Bedeutung beimessen darf, als er ihr selbst beilegte. Abgesehen 
davon, daß sie dem Plan der sozialen Werkstätten Loois Blanc’s ent 
nommen ist, schreibt er selbst an Rodbertus, daß er bereit ist, sie aufzu 
geben, wenn man ihm eine bessere zeigen kann. Die Idee der Genossen 
schaft war übrigens der deutschen liberalen Partei keineswegs fremd. 
Nicht zum erstenmal predigte man sie der Arbeiterklasse. Der Abgeordnete 
Schulze (aus Delitzsch), die Zielscheibe der meisten Angriffe Lassalle’s, 
hatte durch eine energische Propaganda seit 1849 eine große Zahl von 
Kredit- und Konsumgenossenschaften geschaffen, die sich allerdings 
weniger aus Arbeitern als aus Handwerkern zusammensetzten und deren 
Hauptzweck darin lag, ihnen den Einkauf der Rohstoffe zu erleichtern. 
Grundsatz dieser Genossenschaften allerdings war der Ausschluß jeder 
staatlichen Einmischung. 
Neu war daher bei Lassalle nur sein Ruf nach der Intervention 
des Staates. Hierdurch, durch seinen energischen Protest gegen das ewige 
Laisser-faire, machte er auf die öffentliche Meinung Eindruck. Er selbst 
gefiel sich darin, seine Agitation in diesem Licht darzustellen. In seiner 
Rede an die Arbeiter Frankfurts am 19. Mai 1863 rief er aus: „Das, sage 
ich Ihnen, ist der prinzipielle Punkt (der der staatlichen Einmischung), 
u m den es sich in dieser ganzen Agitation handelt, und für den ich mich zu 
derselben entschlossen habe. Hier, mit dieser Frage, steht und fällt die 
Schlacht, die ich schlage“ 1 ). 
In jeder seiner hauptsächlichsten Schriften kommt er auf diesen Ge 
danken zurück. Er hat ihn jedoch ganz besonders in seiner Rede an die 
berliner Arbeiter im Jahre 1862 entwickelt. Hier tritt er uns in seiner 
ganzen Kraft entgegen. Er stellt hier der „bürgerlichen“ Auffassung die 
jiWahre“ Auffassung vom Staat gegenüber, die, wie er sagt, die der Ar 
beiterklasse ist. Für die Bourgeoisie hat der Staat keinen anderen Zweck, 
a's die Freiheit und das Eigentum der Individuen zu beschützen. Diese 
'(Passung würde genügen, wenn wir alle „gleich stark, gleich gescheit, 
gleich gebildet und gleich reich wären“ 2 ). Da aber diese Gleichheit nicht 
, l ) Werke, Ausg Pfau Bd. II, S. 99. Diese Rede ist unter dem Titel Arbeiter- 
les ebuch gedruckt worden. Gerade diese Haltung hat ihm Marx zum Vorwurf gemacht. 
einem seiner Briefe an Schweitzer, vom 13. Oktober 1868, den Mehring (Aus dem 
'terarischen usw IV S 362) anführt, schreibt er: „Er ließ sich zu sehr durch die 
^(mittelbaren Zeitumstände beherrschen. Er machte den kleinen Ausgangspunkt — 
«'nen Gegensatz zu einem Zwerg, wie Schulze-Delitzsch — zum Zentralpunkt seiner 
8'tation: Staatshilfe gegen Selbsthilfe.“ 
2 ) Werke, Ausgabo Pfau, Bd. I, S. 194.
	        
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