Individuum und Natur.
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Stimmungen, die der Renaissance kaum nachsteht. Es sind vor
allem die Bekenntnisse Augustins, die nach dieser Richtung hin
auch für die neuere Zeit das Vorbild bilden und an die Petrarca
ın seiner lebendigsten und wirksamsten Schrift, in dem Dialog
„Von dem geheimen Kampf seiner Herzenssorgen“, mit bewusster
Nachbildung anknüpft. Ja darüber hinaus bleibt sogar der Pla-
tonismus der neueren Zeit, wie er in der Florentinischen Aka-
demie hervortritt, in seinen Anfängen noch durchweg an den
Augustinismus geknüpft und in ihn gleichsam eingeschmolzen.
Es ist somit nicht sowohl die Entdeckung des „Ich“, die hier
für die Renaissance kennzeichnend ist, als vielmehr der Umstand
dass sie einen Tatbestand und Gehalt, der dem Mittelalter nur
innerhalb seiner religiösen Psychologie gegeben war, von diesem
Zusammenhang ablöst und selbständig herausstellt.‘) In einer
solchen Uebertragung und Uebersetzung eines fertigen Inhalts in
eine andere Sphäre aber liegt für sich allein nicht die entschei-
dende und schöpferische Leistung der neueren Zeit. Zu positiver
Erfüllung und Gestaltung gelangt dies neue Selhbstbewusstsein ersi
an dem empirischen Naturbewusstsein. Wenn Augustin den Be-
griff des Ich als einziges und sicheres Fundament alles Wissens ent-
deckt, wenn ihm das Objekt zur „Erscheinung“ des Bewusstseins
wird, so wird in diesem Gedanken bei ihm nur der Vorrang der
Willens- und Gefühlssphäre über alle Daten der Wahrneh-
mung und alle Tatsachen der gegenständlichen Erkenntnis fest-
gehalten. Die räumliche und zeitliche Ordnung der Dinge muss
dahinschwinden, damit wir die Eigenart und den Eigenwert der
Seele verstehen und fassen lernen. In der neueren Zeit dagegen
sind es vielmehr die ohjektiven Phaenomene, die zuerst den
Blick auf sich ziehen und die die Betrachtung an sich fesseln.
Die Natur. musste erst als fester, unabhängiger Bestand, als
selbständige Ordnung und Gesetzlichkeit begriffen und aller Ab-
hängigkeit vom seelischen Innenleben entrückt sein, ehe der Ge-
danke des Ich in seiner neuen Bedeutung sich durchsetzen konnte.
Der Platonismus enthält in seiner echten und legitimen Gestalt,
die der Renaissance allmählich zugänglich wird, bereits beide
Momente in untrennbarer Wechselbeziehung: bei Kepler vor
allem lässt sich verfolgen, wie sich ihm erst in der reinen An-
schauung der Harmonie des Kosmos die Harmonie der „Seele“