Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die skeptische Vernichtung des Wahr heitsbegriffs. 451

Menschen über sich selbst aufzuklären, gab es kein natürliches
Merkmal, Wahr und Faisch zu unterscheiden (XXIV, 1).
Der Verlust des Wissens aber muss fast geringfügig scheinen,
wenn man ihm die ethischen Konsequenzen dieses Systems
gegenüberstellt. Der sittliche Begriff der Menschheit ist aufgehoben;
 an seine Stelle tritt die Gemeinschaft der Auserwählten
und der Heiligen. Die grossen Beispiele der Geschichte und des
Altertums berühren uns kaum — denn was können sie uns bedeuten?
 — wohl aber rührt uns der Tod der Märtyrer, da sie
ein und derselbe Körper, wie wir sind. „Nous avons un lien
commun avec eux: leur resolution peut former la nötre, non
seulement par l’exemple, mais parce qwelle a peut-&tre merite
la nötre. Il n’est rien de cela aux exemples des paiens: nous
n’avons point de liaison avec eux“ (XXIV, 22). Wie es
ausserhalb der Persönlichkeit Christi keine Vermittlung zwischen
Gott und Mensch gibt, so wird auch alle moralische Beziehung
zwischen den einzelnen Individuen erst durch sie geknüpft.
Jede Sittlichkeit, die sich nicht auf die Grundüberzeugung
von der Erbsünde und der Erlösung stützt, bleibt chimärisch
und grundlos (XXIII, 2 u. 7). Dem Andersgläubigen gegenüber
muss daher jedes natürliche Mitgefühl verstummen. „Es ist
erstaunlich und der höchsten Aufmerksamkeit wert, das jüdische
Volk seit so vielen Jahren bestehen zu sehen und es in beständigem
 Elend zu erblicken; aus dem Grunde, dass Beides,
seine Fortexistenz wie sein Elend, gleich notwendig zum Beweise
Christi ist“ (XIX, 4). Das Ziel von Pascals Ethik ist die Entwurzelung
 des natürlichen Persönlichkeitsgefühls, die völlige
Auflösung und Hingabe des Ich. „Le Moi est haissable . . car
chaque Moi est l’ennemi et voudrait @tre le tyran de tous les
autres‘ (VI, 20). Und dennoch kann man bis in die mystische
Ekstase hinein, in der das Ich mit dem Erlöser verschmilzt, die
Spuren jenes Egoismus verfolgen, den Pascal zu überwinden
glaubt. In der Vernichtung vor Gott, in der Gewissheit des
Heils, die aus ihr quillt, gelangt der Einzelne dennoch dazu,
sich seiner Ausnahmestellung bewusst zu werden. Der Genuss
seiner Seligkeit setzt voraus, dass er sich der „massa perditionis“
gegenüber und aus ihr herausgehoben weiss. Und so führt denn
Jiese Lehre, indem sie alles Interesse auf das Individuum und

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