Full text : Moderne Rechtsprobleme

Inquisition.

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stehen und der Verbrecherwelt preisgegeben zu sein, wenn man
die Folter aufhöbe. Sie wurde aufgehoben, aber lange noch
blieb das System übrig, den Angeschuldigten in den Netzen seiner
eigenen Aussage zu fassen: man legte ihm einen Hinterhalt, aus
dem er nicht herauskam; man machte ihn mürbe durch lange
Untersuchungshaft; man versprach ihm bessere Behandlung, wenn
er die Schuld gestehe; man gab ihm einen Gefährten, der als
Aushorcher dienen mußte, horchte selber an der Wand, suchte
durch Überraschungen und ploͤtzliche Gefühlserregungen auf ihn zu
wirken; ja man verschmähte das Heiligste nicht, um ihm das Ge—
ständnis gleichsam abzudrängen. Es sind schon viele Jahre her,
als in meiner Heimat alles erfüllt war von einem wüften Mord—
falle. Zwei Strolche hatten in der Nähe des Renchbades Antogast
einen Kaufmann totgeschlagen, weil er mit seiner goldenen Kette ihre
Begehrlichkeit gereizt hatte. Kurze Zeit darauf tauchte die Nach⸗
richt auf, daß der eine in Straßburg gefaßt sei, denn er besaß
die Brieftasche mit dem Namen des Ermordeten. Das war nun
Anzeichen genug, um durch weitere Verfolgung der Spur die
Täter zu überweisen; allein das genügte nicht: der Untersuchungs—
richter wollte ein Geständnis. Er suchte hin und her, wie er
auf das Gemüt des Verhafteten wirken könne, und brachte end—
lich heraus, daß er eine Mutter habe, an der er mit Gefühl
hänge, da er in aller Verdorbenheit seiner Person immer noch
ein Teil besserer Menschlichkeit in sich trug. Hier hakte der
Untersuchungsrichter ein, und er nahm dabei noch ein Mittel zur
Hilfe, dessen er sich auch sonst wohl mit einiger Vorliebe bediente:
denn wenn es 12 Uhr läutete — und das hörte man im Gefängnisse
sehr deutlich — kamen oft menschliche Rührungen über die Ver—
brecher. Beides benutzte er zu einem Sturmangriff auf sein Ge—
müt: kurz vor 12 Uhr fand er sich im Gefängnisse ein, sprach
mit dem Angeschuldigten von seiner Jugend und von allem Guten
und Schönen, und als die helle, helle Glocke ertönte, fiel er plötzlich
wie weinend zusammen mit den Worten: „O arme Mutierl!⸗
Das konnte der Verbrecher nicht mehr überwinden, und er gestand.
Daß heutzutage noch solche Einwirkungen auf die Persön—
lichkeit stattfinden, glaube ich nicht. Jedenfalls zeigt sich hier in
ihrer vollen Offenheit die ganze Methode der Untersuchung, welche
kein Mittel verschmähte, welche selbst die heiligsten Gefühle im
Angeschuldigten aufrührte, nur um ihn zu fangen und ein Ge⸗
ständnis zu erzielen.
            
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