36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
ohne Untersuchung der pfychologischen, organisatorischen, verwaltungsmäßigen Ursachen-
reihen und Mittelglieder, ohne erhebliche historische und empirische Specialunterfuchungen
durch einige oberflächliche, halb wahre und halb falsche Geschichtskonstruktionen nicht
haltbarer, sie sind nur auf dem Boden einer matexialistischen Weitanjchauung, einer Fiktion
der Gleichheit aller Menschen, einer maßlosen Überschäßung der mechanischen Handarbeit
verständlich. Die große Differenz der Systeme unter sich, die tiefe Verachtung, welche
jeder dieser „wissenschaftlichen Socialisten“ für die Theorie des andern hatte, zeigt, wie
wenig diese Gedankenreihen wirkliche, feststehende Wissenschaft bedeuten, wie sehr sie ins
Gebiet der ideologischen Konstruktionen und der Hypothefen gehören.
Mögen die Marrxianer Lassalle (1825—64; Schriften ed. Bernstein 1892 -93)
nur als großen praktischen Agitator gelten lassen, der wissenschaftlich nicht in Betracht
komme: er war ein eitler, von prahlerischem Ehrgeize verzehrter Lebemanu, aber dabei
ein philofophischer Kopf und ein kenntnisreicher Jurist; sein System der erworbenen
Rechte (1861) steht mindestens ebenbürtig neben den Schriften der anderen, seine Reden
und Pamphlete find Meisterstücke socialpolitisch demagogischer Beredsamkeit; sein Blick
für das reale Leben, die Macht- und Verfassungsfragen, die inneren Triebsedern der
gesellschaftlichen Bewegung war schärfer als der von Rodbbertus und Marx; wenn er
von 8. v. Stein beeinflußt, groß vom Staate und vom socialen Königtum dachte, von
einem demokratischen Cäsarismus tiefgreifende sociale Umwälzungen erwartete, zeigte er
offneren Sinn für die letzten geschichtlichen Ursachen als die Marxischen Schwärmer für
die Abschaffung des Staates. In der Beurteilung des Staates steht Rodberlus (1808
bis 1875; Sociale Briefe an Kirchmann, 1880 -84; Normalarbeiistag, 1871; Briefe
und socialpolitische Auffätze ed. R. Meyer, 2 Bde. 1882), der norddeutsche Gutsbesitzer und
einsame radikale Denker, der Schüler Schellings und Hegels, Lassalle fehr nahe; er sieht,
freilich in sehr übertriebener Weise, in aller Geschichte nur eine Zunahme der Staats—
thätigkeit; er haßt das Manchestertum wie die sensualistische Genußsucht der französischen
Socialisten; nicht mehr genießen, sondern der Allgemeinheit sich opfern soll das In—
dividuum. Seine Geschichtskonstruktion ist tieffinniger als die von Lassalle und Marx,
fie ruht auf gewissen praktischen Kenntnissen (Erklärung und Abhülfe der heutigen Kredit⸗
not des Grundbefitzes, 1871) und gelehrten Studien (Untersuchungen auf dem Gebiete
der Nationalbkonomie des klassischen Altertums, J. f. N. 1. F. 2ff.), fie macht eine bessere
sociale Zukunft, in welcher nicht mehr das Menschen-, das Grund- und das Kapital⸗
eigentum, sondern das Eigentum des individuellen Verdienstes vorherrschen soll, in
anziehender Weise denkbar. Aber seine Einkommenslehre ist schablonenhaft, seine Er—
klärung der Krisen durch zu geringen Konsum der Arbeiter trifft so wenig den wesent—
lichen Punkt, wie Rodbertus ein Recht hat, die infolge technischer Fortschritte zunehmende
Produktivität der Arbeit den mechanischen Handarbeitern als ihr Verdienst anzurechnen;
sein roh entworfenes Zukunftsgemälde mit Normalarbeitstag, Arbeitsgeld, Bezahlung
nach der Zeit ist ein utopischer Traum ohne jede Begründung seiner Realisierbarkeit.
Karl Merh Manifest der kommunistischen Partei, 1848; Zur Kritik
der politischen Okonomie, 1869; Das Kapital, 1. 1867, 4. Aufl. 1890; 2. 1885;
3. 1894) übertraf seine Gesinnungsgenossen an stürmischer, revolutibnärer Willenskraft,
an Ernst und Tiefe der Gedanken, an dialektischer, zersetzender Schärfe, an Haßgefühl
gegen alle bestehenden Gewalten. Aber es fehlte seinem mathematisch spekulativem Kopfe
doch ganz der Sinn für die konkrete psychologische und gesellschaftliche Wirklichkeit und
für empirisches Studium. Auf dem Boden der Hegelschen Geschichtskonstruktion groß
geworden, suchte er unter Feuerbachs und Proudhons Einfluß diese realistisch zu wenden,
verfuhr aber dabei nicht minder willkürlich als Hegel und verfügte über viel geringere
Geschichtskenntnis als er. Immer bleibt die im Lapidarstil des haßerfüllten Anklägers
verfaßte Schilderung der technisch-socialen Entwickelung der englischen Großindufstrie
von 1750—1850 ein Meisterstück trotz all' ihrer Einseitigkeit. Die Begründung des
ökonomischen Materialismus, d. h. der Lehre, welche den socialen, geistigen und poli—
tischen Lebensprozeß der Völker ausschließlich auf die materielle Guͤterproduktion und
Verteilung zurückführen will, war in berechtigter Protest gegen die überspannte