Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Lassalle, Rodbertus, Marx.

97

idealistische Geschichtschreibung und darum ein Verdienst, so sehr Marx und noch mehr
seine Nachtreter den richtigen Gedanken übertrieben. Es ist gegen die übertreibende
Formulierung des Gedankens zu bemerken, daß gewiß alle höheren Kulturgebiete durch
die materiellen ökonomischen Zustände bedingt und beeinflußt sind, daß aber ebenso
sicher das geistig-moralische Leben eine selbständige, für sich bestehende Entwickelungs—
reihe darstellt und als solche das ökonomische Getriebe beherrscht, umformt und gestaltet.
Das übersieht Marx nicht bloß, sondern er ist auch infolge seiner einseitig national⸗
ökonomischen, ganz an Ricardo angeschlossenen Vorstellungswelt unfähig, eine psychologische
Analyse des wirtschaftenden Menschen vorzunehmen, die Bedeutung der sittlichen, recht⸗
lichen und politischen Institutionen zu würdigen. Es war ein Fortschritt seiner Ge—
schichtsauffafsung, daß er auf die Zeichnung utopistischer Zukunftspläne verzichtete, aber
zugleich verzichtete er ganz auf die Erklärung des pfychologischen Wunders, das seine
Geschichts- und Socialphilosophie voraussetzt: die bestehende von Marx als nichtswürdig
geschilderte Welt setzt die ausschließliche Herrschaft des gemeinsten Besitzegoismus und
Erwerbstriebes bei allen Menschen voraus; die zukünftige, von ihm erwartete kennt
diese Eigenschaft überhaupt nicht mehr, ohne zu erklären, wie sie plötzlich verschwinde.
Auch jein nationalökonomisches System, feine Mehrwertlehre, die Darstellung der
kapitalistischen Produktion und ihrer Folgen ist eine große abstrakte Denkerleistung, voll
Scharffinn und Gedankenreichtum; man kann sie loslösen von den überall eingestreuten
socialistischen Flüchen und pathetisch-⸗moralischen Verurteilungen der Kapitalisten und
Ausbeuter. Aber doch ruht dieses System ganz auf den Anschauungen und Voraus—
setzungen Ricardos; es ist in gewissem Sinne die letzte Konsequenz der einseitigen
Naturlehre der Volkswirtschaft. Ja, Marrx geht mit seinen mathematisch-technischen und
spekulativ-abstrakten Spitzfindigkeiten in gewissem Sinne hinter Ricardo und bis Oues—
nay zurück, indem er alle Wertbildung einseitig aus der Produktionsthätigkeit des Ar—
beiters und alle sociale Klassenbildung aus dem Kapital und seiner Verteilung erklärt.
Die Volkswirtschaft ist so nicht mal mehr Tauschgesellschaft, sondern ein kechnisch—
natürlicher Vorgang, der an die Produktion, ihre Art und ihre Folgen sich anschließt,
der immer wieder als eine Art mystischen Geheimnisses, sichtbar nur für Denker wie
Marx, behandelt wird. Ich komme auf seine Mehrwert- und Lohnlehre unten zurück.
Hier sei nur kurz angedeutet, daß Marx das sociale Grundproblem, wie es komme, daß
der Arbeiter bei der Güterverteilung so wenig, der Unternehmer so viel erhalte, objektiv
durch ganz allgemeine Ursachen erklären will. Dabei geht er von der Fiktion, der
Arbeiter schaffe allein den Wert, als einem des Beweises nicht bedürftigen Axiome aus;
dem Arbeiter wird der angeblich nur durch Unrecht und Gewalt zu seinem Kapital
gekommene, nichtsthuende Kapitalist entgegengesetzt. Und nun wird einfach geschlofsen:
der Arbeiter erhält nach dem Preisgesetze den niedrigen Lohn, von dem er noidürftig
leben kann, der den Produktionskosten der Arbeit entspricht; das Plus, was er ent—
sprechend der mystischen Produktivkraft der Arbeit erzeugt, ift der Mehrwert, den der
Kapitalist in die Tasche steckt. In dieser schablonenhaften Aufstellung ist das eine
wahr, daß die Arbeitsteilung und Differenzierung der Gesellschaft, die Geldwirtschaft
and die komplizierte volkswirtschaftliche Verfassung immer wieder an bestimmten einzelnen
Punkten eine Güterverteilung schafft, welche als eine ungerechte zwischen leitenden und
ausführenden Kräften empfunden wird; so entsteht der Begriff der Ausbeutung (des un—
billigen Mehrwertes). Aber nicht das Kapital ist daran schuld, sondern die Differenzierung,
ohne die es keinen Fortschritt gäbe; die technischen und kaufmännischen Überlegenheiten
der wenigen über die vielen, der Vorsprung der geistigen gegenüber der mechanischen
Arbeit und die ethisch-rechtlichen Unvollkommenheiten unserer Institutionen, sind die
springenden Punkte. Schon das ganze Operieren mit dem Begriff des „Kapitalisten“
ist eine Gedankenlosigkeit. Nicht der Kapitalist, sondern der Marktkenner und Markt—
beherrscher ist der, welcher heute leicht mehr Werte als die übrigen Gesellschaftsklassen
erwirbt. Und nicht eine Untersuchung der Natur der Ware, des Kapitals und Ähnliches
dringt uns weiter, sondern eine solche der Ursachen menschlicher Verschiedenheit uͤnd der
Schmoller, Grundriß ber Volkswirtschaftslehre J. 4. ü. Aufl.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.