Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

190 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. 
die letzten 10000 ja 5000 Jahre ist auch nur Vereinzeltes von den Hauptkulturvölkern 
bekannt; nur über die letzten zwanzig Jahrhunderte haben wir umfangreichere Über— 
lieferungen. Noch sind sie aber nicht ganz erforscht und dargestellt. Nur wenige Kapitel 
aus der Geschichte der Technik sind gut bearbeitet. Und nun sollen wir hier nicht 
sowohl das unübersehbare Heer von technischen Einzelthatsachen, die wir kennen, vor— 
fjühren, sondern es zu Gesamtresultaten nach Zeitaltern und Völkern zusammenfassen 
und stets versuchen, die Ursachen und die Zusammenhänge mit dem ganzen volkswirt— 
schaftlichen Leben darzulegen. 
Man hat diese Aufgabe durch verschiedene Einteilungen in technische Perioden zu 
erleichtern gesucht. Man unterschied: Jagd-, Hirten-, Ackerbau⸗, Gewerbe⸗, Handels— 
völker; ein Stein⸗, Kupfer-, Bronze-, Eisenzeitalter; die Perioden der Wildheit, Barbarei, 
Halb-⸗ und Ganzkultur; die der Werkzeuge und der Maschinen, die Epochen der An— 
wendung von Menschen-, Tier⸗, Wind-, Wasser-, Dampfkraft und Elektricität. Aber die 
meisten dieser Einteilungen find heute als zu einseitig oder auch als ungenau und irre— 
führend erkannt. Und doch wird eine vorläufige historisch-geographische Einteilung nicht 
zu entbehren sein. Wir versuchen in einigen ersten Paragraphen je gesondert die Ent— 
wickelung der Werkzeuge und die der technischen Methoden der Ernährung bis zur 
historisch beglaubigten Zeit darzustellen, dann lassen wir die Epochen der vorderasiatischen, 
der europäischen Werkzeugtechnik und der modernen Maschinentechnik folgen. 
Zum Schluffe dieser Vorbemerkung noch ein Wort über die allgemeinen mensch— 
lichen und historischen Ursachen, die alle Entwickelung der Technik beherrschen. 
Wir haben (S. 42) die Entstehung des Sittlichen in Zusammenhang gebracht 
mit der Thatsache, daß der Mensch Werkzeuge schuf und arbeiten lernte. Wir führten 
beides auf die Besonnenheit zurück. Nicht umsonst sagt Franklin, der Mensch sei ein 
Tier, das Werkzeuge mache; andere meinten, ein Tier, das kochen gelernt habe. Auch 
einzelne höhere Tiere haben gewisse Methoden der Nahrungsfürforge und das Vorrats— 
sammeln durch Instinkte ausgebildet, die auf gewissen Erfahrungen beruhen mußten. 
Lotze sagt, auf der Feinheit unseres Tastsinnes, der in den Fingerspitzen liegt, der Be— 
weglichkeit unserer Arme, der Muskelkraft unserer Arme, Beine und Zähne, aber ebenso 
auf unferer Fähigkeit zu beobachten, Vorstellungen zu afsociieren, zu schließen, beruhe 
alle technische Entwickelung des Menschen. Er druͤckt damit richtiger das aus, was schon 
die Alten meinten, wenn sie die Kultur auf den Bau der menschlichen Hand zurück- 
führten, oder was ein Schriftsteller andeuten wollte, der im Daumen, als dem wichtigsten 
Finger, den Kern der Weltgeschichte fand. E. Hermann hat den menschlichen Hörper 
neuerdings eine reichgegliederte Maschine genannt, die selbst das Ergebnis der Übung 
und Verbesserungsarbeit von Hunderttausenden von Generationen sei. Diese Übung mag 
zuerst unter der Leitung von Instinkten erfolgt sein, hauptsächlich aber ist fie, wie alle 
späteren technischen Fortschritte, das Ergebnis der denkenden UÜberlegung, der Beobachtung, 
der Selbstbeherrschung, der Zielsetzung. 
Wenn der Mensch, wie der Affe, einen Stein zum HOffnen einer Frucht, einen 
Stock zum Schlagen brauchte, so hatte er noch kein Werkzeug; erst dann kounte man 
davon sprechen, wenn er diesen Stein, diesen Stock stetig bei sich führte, wenn die 
Erinnerung an den Nutzen dieses Hülfsmittels die Unbequemlichkeit der Aufbewahrung, 
des Mitschleppens überwand. Damit der Urmensch den Stein schärfte, mußte er beob⸗ 
achten und nachdenken. Wenn ihm dabei sein Tastsinn half, die Haͤrte, die Beweglichkeit, 
die Form der Stoffe herauszufühlen, wenn er in Hand und Arm das Vorbild der 
Waffe und des Werkzeuges fand, so ändert das an dem geistigen Vorgange nichts. 
Schon die Nachahmung setzt Nachdenken und Zwecksetzen voraus: die geballte Faust 
wurde das Vorbild des Hammers, die Schneide desselben ahmt Nägel und Zähne, die 
Feile und Säge die Zahureihe, die Beißzange und der Schraubstock die greifende Hand 
und das Doppelgebiß nach; der gekrümmte Finger wird zum Haken, der steife Finger 
mit dem Nagel zum Bohrer, die hohle Hand jur Schale; die Lanze stellt den ver— 
längerten Arm dar. Die Werkzeuge wie die später aus ihnen entwickelten Waffen, 
Apparate und Maschinen sind — hat man gesagt — menschliche Organprojektionen in
	        
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