Die Ursachen der Werkzeugschaffung und aller Technik. 191
die Natur hinein; aber sie entstehen nur durch innere geistige Vorgänge, die bewußt
ins äußere Leben verlegt werden, um feinere, zweckmäßigere, konzentriertere Wirkungen
zu erzielen.
Und noch mehr gilt dies, wenn der Mensch beginnt, gemeinsam, zu mehreren
eine Arbeit zu verrichten, wenn er Tier-, Wind- und Wasserkraft für sich anspannt,
durch Getriebe und Räder feste, gleichmäßige Bewegungen herstellt. Auch die Maschinen,
sagt Reuleaux, seien bewußte oder unbewußte Kopien des menschlichen oder tierischen
Knochen- und Mustkelgerüstes, Projektionen des menschlichen Denkens und des menschlichen
Körpers in die Sinnenwelt hinaus.
Es ist eine einzige einheitliche Entwickelungsreihe vom ersten Hammer und Stab
bis zur heutigen Dynamomaschine, die durch immer bessere Beobachtung, durch stets
wiederholtes Probieren, Tasten, Versuchen, durch zahllose kleine Verbesserungen, durch
immer komplizierteres Zusammenfetzen bekannter Mittel immer größere Erfolge erzielte.
Viele Entdeckungen und Fortschritte sind gewiß an verschiedenen Orten unabhängig
von einander gemacht worden. Da die Zwecke und die Mittel, die Körperkräfte und die
Maße von Hand, Arm und Fuß immer die gleichen waren, so ist es wohl begreiflich,
daß die Axt z. B. immer wieder dieselbe Form und Größe erhielt, daß gleiche Methoden
des Haus-, Schiffs-, Ackerbaues ohne Nachahmung da und dort entstanden. Aber jede
Entdeckung ist ein Ergebnis besonders glücklicher Umstände und hervorragender geistiger
Eigenschaften, und daher wurde die Entwickelung durch die Berührung und Nachahmung
doch außerordentlich befördert. Und so weit wir diese im Anschluß an die uns bekannten
oder wahrscheinlich gemachten Wanderungen verfolgen können, scheint es, als ob so
ziemlich alle höhere technische Kultur von Vorderasien, vielleicht von jenen mongolisch—
latarischen Völkern der Sumerier und Akkadier im Euphratthal ausgegangen sei; von
hier können diese technischen Künste durch ostwärts wandernde Mongolen nach China
und Amerika, nördlich zu den Indogermanen, direkt zu den assyrisch-babylonisch-ägyptischen
Völkern und endlich durch sie wie durch die westlich wandernden Indogermanen zu der
abendländischen Welt gekommen sein. Ebenso zeigt das Fehlen mancher Werkzeuge und
Waffen bei Völkern und Rassen, die früh in abgelegene Winkel der Erde gedrängt wurden,
daß sie die technischen Erfindungen der höheren Kulturvölker nicht so leicht selbständig
nachholen konnten.
Eine klare und erschöpfende Erkenntnis der Ursachen, warum gewisse technische Fort—
schritte zu bestimmter Zeit, an bestimmtem Orte, bei dem und jenem Volke entstanden,
durch Praktiker oder Gelehrte herbeigeführt worden seien, warum sie sich langsam oder rasch
verbreitet haben, besitzen wir heute nicht, wenigstens nicht für alle jernere Vergangenheit.
Wir müssen zufrieden sein, im folgenden einiges Licht in dieses Dunkel zu bringen.
So viel aber können wir sagen: äußere Umstände, Klima, Flora und Fauna,
Lebenslage, Not, Bevölkerungszuwachs haben stets als Druck und Anstoß gewirkt.
Führt doch z. B. M. Wagner die ersten großen technischen Fortschritte auf die Not der
Eiszeit zurück; andere leisten das Lernen des Aufrechtgehens und Waffenbenutzens aus
dem Kampfe mit den wilden Tieren ab. Auch daß Jahrhunderte und Jahrtausende
lang gewisse Stämme und Rassen auf demselben Standpunkte der Technik verharren,
wird häufig mit der Thatsache zusammenhängen, daß ihre äußeren Lebensbedingungen
dieselben blieben, keine Einflüsse höherstehender Völker sie erreichten. Aber der springende
Punkt für die Fortschritte wird doch immer in der geistigen Beschaffenheit der Menschen
liegen. Aller technische Fortschritt kann nur das Ergebnis des Scharfsinnes, der
Beobachtung, der besonderen Findigkeit sein; auch der einfachste Arbeiter und der Prak⸗
tiker, welche neue Maschinenteile und Methoden erfinden, sind ausnahmsweise kluge
Menschen, die mehr gelernt und mehr nachgedacht haben als andere. Kommt nun dazu
in gewissen Zeiten, bei gewissen begabten, auf höherer Kulturstufe stehenden Völkern
oder Klassen eine durch mathematisch-naturwissenschaftliche Fortschritte, durch Unterricht
gesteigerte Atmosphäre, wie seinerzeit bei den ältesten Kulturvölkern des Euphrat und
des Nillandes, im ptolemäischen Zeitalter, in der Renaissancezeit, in den letzten Jahr—
hunderten, so werden die großen Geister in der wissenschaftlichen Naturerkenntnis und