192 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
die Talente der technischen Praxis sich gegenseitig in die Hände arbeiten, ohne daß man
sicher scheiden kann, ob das größere Verdienst um den technischen Fortschritt bei der
Wissenschaft oder bei der Praxis sei.
77. Die ersten technischen Fortschritte; die ältesten Waffen und
Werkzeuge, das Feuer und die Töpferei. Wir werden annehmen, daß es
Menschen ohne Werkzeuge und Feuerbenutzung einstens gegeben habe. Gefunden hat
man in historischer Zeit nie solche.
Waffen und Werkzeuge waren ursprünglich identisch, haben erst nach und nach
sich differenziert. Wir haben ihre Entstehung schon besprochen. Wir verstehen unter
einer Waffe und einem Werkzeuge ein dem Menschen zum Kampf oder zur Arbeit
dienendes äußeres Hülfsmittel bestimmter Gestaltung aus Holz, Knochen, Stein oder
Metall, welches zufällig in passender Form gefunden, in der Regel vom Menschen
absichtlich hergestellt wurde, und nun durch die ein- für allemal gethane Arbeit der
Erfindung alle künftige Wirksamkeit der menschlichen Glieder verstärkte, erleichterte,
konzentrierte. Die Herstellung von solchen erschöpft nicht die älteren technischen Fort—
schritte; allerlei Methoden z. B. der Nahrungsfürsorge, das Früchtesuchen und -Schonen,
die Feuerbewahrung und anderes bedurften zunächst keines Werkzeuges zur Durchführung.
Aber auch diese Fortschritte wurden, wie alle Bekämpfung der Feinde und alle Ärbeit,
doch meist bald durch irgend welche äußere Veranstaltung, wie die Feuerbenutzung durch
den Herdbau, die Vorratsammlung durch Töpfe und Tierbälge erleichtert.
Holzstücke, besonders in Stabform, gewisse Knochen groößerer und kleinerer Tiere,
einzelne Schilfarten und Steine hat der Mensch zuerst als Werkzeug benutzt. Der
Stab diente als Stütze beim Marsch, als Waffe gegen Tier und Feind, als Hebel, als
Hülfe zum Lastentragen, als Gerüst für die erste Hütte, als Grabstück zum Wurzelsuchen;
am Feuer gespitzt wurde er zum Spieß, an einer Seite verstärkt zur Keule, durch Ein—
setzung von Fischzähnen zur Lanze. Der rohe Stein diente zum Werfen, später zur
Schleuderwaffe; in bestimmter Form zum Offnen von Schalen, zum Stoßen und
Hämmern. In der Bearbeitung passender Steine, Geweihe, Holzstücke und Knochen
und ihrer Verbindung lag unendliche Zeiträume hindurch der technische Fortschritt.
Durch Schleifen, Polieren, Meißeln, Durchbohren der Steine gelang es, schmälere und
breitere, glatte und dicke, kürzere und längere Steine herzustellen, sie zu Messern, Beilen,
Meißeln, Hämmern, Schabinstrumenten und Mahlsteinen, Lanzen- und Pfeilspitzen zu
gestalten. Die Untersuchung dieser Steinbearbeitung bildet einen Hauptteil der vor—
geschichtlichen Forschungen. Die Benutzung der Steinwerkzeuge und Waffen (neben den
metallischen) reicht bis tief in die historischen Zeiten hinein, zumal im Norden; nach
Rougemont in Deutschland bis ins 6. —7., in Irland bis ins 8. und Y, in Schott—
land bis ins 18., in Böhmen bis ins 14. Jahrhundert. Die ungeschiedenen Arier
werden wesentlich nur Stein- und Holzwerkzeuge neben wenigen Stücken aus Kupfer
oder Erz besessen haben. Ahnlich die Pfahlbauer der Schweiz 8000 — 4000 v. Chr.
Die niedrigsten Völker haben sie heute noch; Australien, die Südseeinseln, ein großer
Teil Amerikas bejaßen nichts anderes bei ihrer Entdeckung. Die Afrikaner freilich sind,
seit wir sie kennen, fast alle schon im Besitze von Eisen gewesen.
Mit verbesserten Steinwaffen und -Werkzeugen lernte der Mensch sich besser gegen
Feinde und Tiere verteidigen und schützen; er fügte zu den Angriffs- die Schutzwaffen,
er baute Wälle und Hütten, richtete sich in Höhlen ein, verstand Tausende von starken
Pfählen ins Wasser einzurammen, sie zu geschützten Pfahlbaudörfern zu benutzen. Indem
er die Jagdmethoden durch sie verbesserte, kam er wenigstens etwas mehr über die
Gefahr des Verhungerns hinweg. Vor allem haben die verbesserten Fischfaugmethoden,
die ersten ausgehöhlten, als Schiffe dienenden Baumstämme, die Nehze und Harpunen
ihm das Leben am Wasser erleichtert. Man hat gesagt, die Fischnahrung und das Feuer
hätten dem Menschen erst gestattet, sich etwas weiter über die Erde zu verbreiten. —
Ob der Mensch das Feuer erst als Abbild der Lichtgottheiten verehrt (wie L. Geiger
meint) oder gleich seinen Nutzen erfaßt habe, wollen war dahingestellt sein lassen.
Jedenfalls steht die Feuerverehrung, das Priestertum und die Magit bei vielen Raffen