Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Viehhaltung einen erheblichen Wohlstand und eine Art Halbkultur erzeugt. An einem
dieser Punkte, wahrscheinlich in Vorderasien, gelang nun wohl die eigentliche Vieh—
zähmung, die der größeren Tiere.
Von etwa 140000 Tierarten, deren Zühmung und Nutzung möglich wäre, hat
der Mensch — nach Settegast — nur 47 dauernd zu seinen Hausgenossen gemacht und
für fich als Haustiere zu nutzen gelernt. Es muß also sehr schwierig gewesen sein,
diefen technischen Fortschritt zu machen, der zu den allertiefgreifendsten des Menschen—
geschlechtes gehört; er hat den Rassen, die ihn zuerst recht ausnutzten, die hauptsächlich
die Milchnahrung erlernten, für immer einen Vorsprung verschafft, nämlich den Hamiten,
Indogermanen und Semiten. Und doch ist die Zähmung einzelner, besonders kleiner
Tiere ziemlich leicht und sicher früher weit verbreitet gewesen.
Die amerikanischen Indianer halten teilweise ganze Menagerien von Vögeln und
sonstigen kleinen Gespielen. Der Hund hat schon in sehr frühen Zeiten den Menschen
umgeben. Von den Agyptern und Assyrern wissen wir, daß sie Marder, Meerkatzen,
und Löwen sich hielten, im Norden hat man Raben und Adler, Füchse und Bären
gezühmt. Aber es waren, so weit es sich um größere Tiere handelte, nur solche, die
jung gefangen wurden, die nicht in der Gefangenschaft geboren waren. Es scheint, daß
man den größeren Teil dieser individuell gezähmten und zumal der kleinen Tiere in
ältester Zeit nicht des Nutzens, sondern der Spielerei oder des Kultus wegen, aus
ästhetischen Gründen, aus Neigung zu lebendiger Umgebung hielt. Es giebt Stämme,
welche Hühnerzucht nur des Federschmuckes wegen, welche Hundezucht haben, ohne die
Hunde zur Jagd zu verwenden.
Der entscheidende Punkt für die Tierzähmung war, die größeren Tiere zur Zucht
in der Gefangenschaft zu bringen. Wie das beim Elephanten in Indien noch nie
gelungen ist, wie die Versuche in unseren Tiergärten mit wilden Tieren noch heuie die
größten Schwierigkeiten zeigen, so haben stets die gefangenen Tiere eine geringe Brunst
und eine so geringe Milchergiebigkeit gezeigt, daß sie entweder keine Jungen bekamen,
oder die wenigen geborenen verhungerten. Der Ersatz durch Menschenmilch, der selbsi
für Hunde und Schweine möglich war und oft vorkam, war bei ihnen ausgeschlossen.
Eduard Hahn stellt nun die ansprechende Hypothese auf, vorderafiatische Stämme
seien durch die bekannte, weitverbreitete göttliche Verehrung der Rinder dazu gekommen,
diese nach und nach in der Weise zu zähmen, daß man sie gleichsam über ihre Gefangen—
schaft täuschte, sie herdenweise in große Gehege zu treiben wußte. Hier hätten sie sich
fortgepflanzt und auch nach und nach an den Menschen gewöhnt. Man habe hier die
zahmeren Tiere leicht herausfinden, dieselben vor den heiligen Wagen spannen, einzelne
männliche Tiere — auch aus kultlichen Motiven — kastrieren können; die wilderen
Exemplare konnte man durch Schlachtopfer ausmerzen. Die Anspannung des Ochsen
vor den Haken und Pflug sieht Hahn ebenfalls als eine ursprünglich kultliche Handlung,
als das Symbol der Befruchtung der Mutter Erde durch ein heiliges Tier an. Die
Milch-, Fleisch⸗ und Zugnutzung glaubt er erst als späte Folgen dieser rituellen Haltung
des Rindes betrachten zu dürfen. Die Zähmung des Pferdes, des Kameles, des Schafes,
des Esels, der Ziege betrachtet er als spätere Nachahmungen der ursprünglich allein
vorhandenen Rindviehhaltung. Er nimmt auch an, daß so die Tierzähmung in der
Hauptsache von einem Punkte der Erde ausgegangen sei.
Die Hypothese Hahns wird noch näherer Untersuchung bedürfen. Jedenfalls giebt
sie nach ihren pfychologischen Gründen und historischen Beweisen eine sehr wahrscheinliche
Erklärung, welche der alten Annahme, die Viehzucht sei der Jagd, der Ackerbau der
Viehzucht geschichtlich und ursächlich gefolgt, ganz fehlt. Jäger sind nirgends Vieh—
züchter geworden, wohl aber haben afrikanische und amerikanische Hackbauern die Haltung
des Rindviehes und anderer Tiere in historischer Zeit erlernt. Der Übergaͤng der
indogermanischen Völker, die halb Hirten, halb Ackerbauern waren, nach ihrer Wander—
zeit zum seßhaften Ackerbau beweist nicht, daß der wirkliche Romade den Ackerbau mit
Rindvieh und Pflug begründete. Die uns heute bekannten eigentlichen Nomaden, welche
in ganz anderer Weise Wanderpölker sind als die Indogermanen, die mongolischen
            
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