Jagd, Fischfang. Absichtliche Zucht von Pflanzen und Tieren. 195
teilweise auch bei höherer Kultur behalten, während die Viehzüchter und Ackerbauern
mit ihren besseren Ernährungsmethoden seiner nicht mehr so dringlich bedürfen.
Fast noch mehr als die Jagd kann der Fischfang durch verbesserte Methoden
ergiebiger gemacht werden, wie wir bereits erwähnten. Und es ist daher ganz begreiflich,
daß die gesamten technischen Fortschritte in der occupatorischen Thätigkeit schon Stämme
mit einem gewissen Wohlstand erzeugen konnten, wo großer Fisch- oder Wildreichtum
vorhanden war. Wir wisfsen heute, daß es vereinzelt seßhafte Jäger- und Fischervölker
mit Dörfern, mit einer gewissen Technik des Transportes, Hundeschlitten, Renntieren ꝛc.,
mit einer gewissen gesellschaftlichen Organisation der Jagd und des Fischfanges, mit
Schmuck und Sklaven, mit Wohlhabenden und Armeren giebt: so in Nordkalifornien,
in Nordasien, in Kamtschatka. Aber es sind seltene Ausnahmen. Und unsicher bleibt
alle bloße Jagd und alle bloße Fischerei, alles Leben von Beeren und Früchten. Der
Mensch, so sagt wohl Peschel, bleibt ein Almosenempfänger im großen Wurzelgarten
der Natur, bis er anfängt, neben die Sammelthätigkeit die absichtliche und planmäßige
Zucht von Pflanzen und Tieren zu setzen. Das erstere ist offenbar das leichtere und
aͤltere, ursprünglich viel weiter verbreitete, die Tierzucht das viel schwierigere und spätere.
Diese Erkenntnis danken wir aber erst den neuesten Untersuchungen. Es ist damit das
schon von den Alten herrührende Schema der historischen Entwickelung — Jagd, Vieh—
zucht, Ackerbau — in seiner Wurzel angegriffen. Obwohl seit langem bezweifelt, wurde
und wird es in den Lehrbüchern, z. B. in Schönbergs Handbuch, doch noch vorgetragen.
Wir müssen dabei einen Augenblick verweilen.
Schon Roscher hatte gemeint, nach der ursprünglich occupatorischen Wirtschafts⸗
weise werde nach Klima, Boden und Menschenart hier Jagd, dort Viehzucht, an dritter
Stelle Ackerbau entstanden sein. Gerland leitet die ganze physiologische Entstehung des
Menschen aus dem Getreidebau ab, ihm mußten Jagd und Hirtenleben als Entartungen
sich darstellen. A. Nowacki hat dann mit ausführlicher Begründung zu zeigen gesucht,
daß aus der ursprünglich occupatorischen Thätigkeit drei nebeneinander sich entwickelnde
Typen entstanden, 1. die überwiegende Viehzucht, 2. der überwiegende Ackerbau und
3. die Verbindung von beidem. Vor allem aber sucht neuestens Eduard Hahn nach—
zuweisen, daß die Viehzucht nicht aus der Jagd hervorgegangen sein könne, daß es
lange Zeiträume gegeben habe, in welchen ein einfacher Ackerbau — er nennt ihn
Hackbau und wir folgen ihm darin — ohne Vieh und Pflug bestand, daß ein großer
Teil der Menschen noch heute ganz oder teilweise diesen Hackbau hat, daß die Vieh—
zähmung wahrscheinlich bei seßhaften Hackbauern entstand, und daraus einerseits der
Ackerbau mit Vieh und Pflug, andererseits, und wohl viel später, die Viehwirtschaft
der Nomaden, d. h. der wandernden, und der Hirten, d. h. der seßhaften Viehzüchter,
sich entwickelte. Ich muß aus seinen Resultaten über den Hackbau und die Viehzähmung
einiges anführen.
Wir haben oben schon erzählt, wie die Schonung gewisser Wurzel- und Knollen⸗
gewächse nach und nach sich leicht in Landbau verwandeln konnte. Ihr Anbau und der
von Gemüse durch die Weiber von Fischern und Jägern war wohl der älteste Hackbau;
dann kam in den warmen Ländern der von Durrha, Sorghum, Hirse, in den feuchten
Niederungen der von Reis, im gemäßigten Klima der von Gerste, in Amerika der von
Mais. RNeben der Ernährung durch diese Früchte haben die Hackbauern einzelne kleine
Tiere nach und nach zu halten gelernt, wie Hund und Ziege, Huhn und Schwein.
Viele Neger, die etwas höher stehenden Indianer Amerikas, die Melanesier, die Polynesier,
die Malaien und anderen Bewohner Indonesiens, die Südchinesen sind bis heute nicht
recht über diese niedrige Art der landwirtschaftlichen Technik, über den Hackbau hinaus—
gekommen. Es giebt sehr rohe, wandernde Stämme, die einen nur kurze Zeit an die
Scholle fesselnden Hackbau haben. Daneben sehen wir seßhafte Stämme, die mit dem
Hackbau, an welchem die Männer sich beteiligen, schon zu guter Ernährung und leidlicher
wirtschaftlicher Existenz gekommen sind. Wo er in günstigem Klima durch Bewässerung,
Terrafsenbau, starke Düngung und großen Fleiß bis zum Gartenbau sich erhob, wie
in Vorderasien und China, sowie in Centralamerika, hat er ohne Pflug und eigentliche
142*