Wesen und produktive Wirkung der Maschine. 219
arbeitskräftiger Menschen wird eine Pferde- und Rindviehkraft von etwa gleicher
mechanischer Leistungsfähigkeit zur Seite stehen; seine Dampfkräfte werden (nach den
mittleren Reduktionszahlen Fairbairns eine Pferdekraft — 15 Menschen) 114 Mill.
Menschen, seine Wasserkräfte 9,5, seine Gasmaschinen 0,8 Mill. 1805 entsprechen; die
Elektricitaͤt wage ich nicht zu schätzen. Also steht der mechanischen Kraft der Menschen
mindestens die etwa sechssache der Tier- und Naturkräfte (zusammen 150 Mill.) zur
Seite, während im Jahre 1750 wohl höchstens die gleich große an Tier-, Wind- und
Wasserkräfien die menschlichen ergänzte. Und erinnern wir uns, daß die 124128
Mill. Einheiten mechanischer Kräste (ohne die Tiere) hauptsächlich die 10-511 Mill.
Menschen uͤnterstützen, welche im Verkehr, Handel und Gewerbe thätig sind, so handelt
es sich statt der sechs- um eine zwölffache Steigerung der produktiven Kräfte. Dazu
kommt die Verbilligung der Kraft. Engel rechnet 1880, daß ein Tonnenkilometer
horizontal zu bewegen mit dem Tampf 0,4, mit dem Pferd 11,7, mit der Menschen—
kraft 82,6 Pfennig koste. Mag das nur für den Verkehr zutreffen, sonst nicht in dem
Maße, vielfach auch gar nicht, dafür wird heute jede Art der Kraft da angewendet, wo
fie am passendsten ist, am wohlfeilsten sich stellt. Man hat gelernt, die eine Kraft aus
der andern zu entwickeln, aus Wärme Dampi, aus Wasserkraft oder Dampf Elektricität
herzustellen. Man versteht die Kräfte zu konzentrieren und zu kombinieren, sie örtlich
und zeitlich mit genauester Maßbestimmung zu verteilen, die rotierende Bewegung in
hin und her gehende und sonst in der verschiedensten Weise zu verwandeln.
Auch bei der Arbeitsmaschine handelt es sich um Bewegungsvorgänge; sie kann
nur da eintreten, wo gleichmäßig sich wiederholende, mit höchster Schnelligkeit sich voll—
ziehende, in mehr, oft hundertfacher Nebeneinanderstellung des angreifenden Maschinenteils
(wie beim Spinnstuhl) gemeinsam zu vollziehende Bewegungen in Frage stehen. Sie
ist ausgeschlossen, wo die Kraft jede Sekunde nach den von Auge und Handgefühl
erfaßten Widerständen sich richten, sich dem Wechsel des Stoffes, der Formen, der
Augriffsart anpassen muß. Die Arbeitsmaschine setzt voraus, daß der Prozeß sich in
viele einzelne Teile zerlegen lasse. Die Arbeitsteilung mit specialisierten Werkzeugen
geht daher historisch und praktisch häufig der Arbeitsmaschine voraus. Wo diese
Bedingungen fehlen, da kann die Maschine keine oder nur eine beschränkte Rolle, eine
solche in Hülfsprozessen, in dem die Produkte bewegenden Verkehr ꝛc. spielen. Die
Uniformierung, Mechanifierung, höchste Beschleunigung und vollendete Präcision, welche
das Wesen des maschinellen Arbeitsprozesses charakterisiert, wird wohl die ganze Volks⸗
wirtschaft indirekt beeinflussen; tiefgreifend umbilden wird sie nur bestimmte, freilich sehr
erhebliche Teile. Suchen wir sie zu scheiden.
Die weitaus größte Wirkung der modernen Maschinen liegt in der Verkehrs⸗
erleichterung; im Verkehr handelt es sich nur um Erleichterung, Beschleunigung,
Mechanisierung, Ordnung von Bewegungsvorgängen: die Menschen, die Güter, die
Nachrichten bewegen sich heute so leicht und so billig auf 1000 und 100 000 Meilen
wie ehedem auf ä und auf 100. Die menschliche Versorgung mit Nahrungsmitteln und
Gütern aller Art, die Berührung und Verknüpfung der Menschen in geistiger, moralischer
und wirtschaftlicher Beziehung ist unendlich gestiegen. Die geographische Arbeitsteilung,
der Welthandel, die größern Märkte, die größern Staaten, ihre leichtere Regierung,
die ganze heutige Masffenkriegführung, die Überziehung auch der kleinen Orte und des
vlatten Laudes mit Post-, Eisenbahn- und Telegraphenlinien sind die Folge.
Der eigentliche Handel ist mehr durch die Verkehrsfortschritte als durch direkte
Maschinenanwendung ein anderer geworden; gewiß benützen die großen Handelsgeschäfte
eine steigende Zahl technischer Fortschritte zum Heben, Sortieren, Packen ꝛc., aber der
viel größere Teil der Handelsthätigkeit ist und bleibt individuell, der Maschine und
Mechanisierung unzugänglich.
Die zweite große Wirkung der modernen Technik liegt auf dem gewerblichen
Gebiete; zumal soweit es sich um leicht versendbare, mit mechanisiertem Arbeitsprozeß
und in Masse herstellbare, beliebig vermehrbare Produkte handelt, ist die Steigerung
und Verbilligung der Produktion eine ganz außerordentliche. In der Textilindustrie