Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

232 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. 
und Hausgenossenschaften geworden. Überall im wefentlichen auf den Blutszusammen⸗ 
hang gegründet, haben sie da, wo ihre feste Größe Bedingung der militärischen, wirt— 
schaftlichen und sonstigen Einrichtungen ist, oftmals durch Teilung, Zusammensetzung, 
Ergänzung eine absichtliche und planmäßige Umbildung erfahren, womit die alte Kontro— 
verse, ob die Sippe auf Blut oder absichtlicher Einteilung beruhe, sich erledigt. Bei 
vielen Stämmen bilden je zwei oder mehr Sippen Obergruppen, die man heute meist 
mit dem griechischen Wort Phratrie bezeichnet. 
Das oskische Wort famel bedeutet Knecht; die kamilia ist die auf Eigentum und 
Herrschaft gegründete Berbindung eines Mannes mit einer Frau, den Kindern, Mägden 
und Knechten, die als abhängige Arbeitskräfte dienen. Dieser römische Begriff, den die 
Germanen nicht hatten — sie kannten nur die Sippe und das Wort Ewa, Ehe, für 
Bund überhaupt — ging dann in die europäischen Sprachen über und wird in seiner, 
der patriarchalischen und modernen Haus- und Familienwirtschaft entnommenen Be— 
deutung jetzt auch rückwärts oft auf ältere Einrichtungen übertragen, die wesentlich 
andere waren. Wir werden daher besser als Großfamilie nur die patriarchalische 
Familie bezeichnen, nicht einen Verband von Sippengenossen und Muttergruppen, welche 
in Langhäusern zusammen wohnen und in gewisser Beziehung zusammen wirtschaften. 
Unter Muttergruppe verstehen wir die Verbindung und das Zusammenleben der 
Mutter mit ihren Kindern, wie sie da vorkommt, wo der Vater nicht oder nicht ganz 
in dieser örtlichen, häuslichen und wirtschaftlichen Gemeinschaft aufgeht. — 
38. Die älteste Familienverfaffung bis zum Mutterrecht. So 
roh wir uns sicher die ältesten Menschen zu denken haben, so müssen wir sie uns doch 
wohl vorstellen als durch die Blutsbande und ein gewisses Zusammenleben verbunden, 
als kleine Horden, wo die Ernährung eine örtliche Verbindung von 20— 100 Menschen 
gestattete, als bloße Gruppen von Mann, Frau und Kindern, wo die Ernährung die 
Zerstreuung nötig machte; aber mehrere benachbarte solcher Gruppen fanden sich dann 
doch sicher zu gewissen Zwecken, z. B. zur Verteidigung zusammen, weil sie sich als 
Blutsgenossen fühlten. Ohne herdenartige Eigenschaften, ohne gewisse Zuge der Sympathie 
können wir uns auch die rohesten Menschen nicht denken. Sie werden auch mehr als 
heute die tiefst stehenden Stämme (z. B. die Feuerländer und die Buschmänner) in einem 
Klima, auf einem Boden gelebt haben, die das Zusammenbleiben der Horden gestatteten. 
Wo die Zerstreuung eine so weitgehende war, wie wir fie heute bei den eben 
Genannten treffen, muß damals wie heute in der Regel Frau und Mann nebst den 
unerwachsenen Kindern zusammen gelebt haben, zusammen gewandert sein, muß ein 
Gewaltverhältnis des Mannes gegenüber Weib und Kindern ftattgefunden, ein gewisses 
Zusammenwirken, eine Art Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau Platz gegriffen 
haben: der Schutz, die Jagd, der Fischfang war mehr Männer-, das Beerensammeln, 
Schleppen der Habseligkeiten mehr Weibersache. Die furchtbare Not des Lebens drängte 
damals wohl das Geschlechtsleben, das vielleicht noch an periodische Brunstzeit geknüpft, 
das durch jahrelanges Säugen eingeschränkt war, wie alle zarteren Empfindungen mehr 
zurück als später. Gewaltthätigkeit und Gleichgültigkeit war und ist heute noch vielfach 
die Signatur solcher Gruppenverhältnisse. Eine Ehe im Sinne des späteren semitischen 
oder indogermanischen Patriarchatz ist nicht vorhanden; die Kinder verlassen die Eltern, 
sobald sie sich ernähren können Über die Ausschließlichkeit und Dauer der Geschlechts⸗ 
beziehungen zwischen demselben Mann und derfelben Frau sind wir nicht unterrichtet. 
Wir werden sie uns nicht nach heutigen Bildern zu denken haben. 
Auch wo Horden von der erwähnten Größe zusammenlebten, werden wir nach den 
Zuständen der heutigen niederen Jäger- und Fischerstämme annehmen können, daß in 
ihnen die Verbindung von Mann und Frau eine ähnliche war: eine gewisse rohe Gewalt 
des Mannes über Weib und Kind treffen wir da heute noch überwiegend; der Vater 
ist meist als Erzeuger bekannt. Aber die Kinder sind früh felbständig. Das Gefühl 
der Zugehörigkeit zur Horde ist stärker oder ebenso stark wie das zwischen Mann und 
Frau, Eltern und Kindern; eine eigentliche Familienwirtschaft ist nicht vorhanden, wenn 
auch geschlechtsreife Baare in gewifser Weise zusammenhalten. Die durch besondere
	        
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