Die Familienverfassung der Jägerstämme. 233
Namen hervortretende, durch Sitte und Recht einigermaßen geordnete Einteilung der
Horde ist nicht die nach Ehegruppen, sondern vielmehr die nach dem Alter. Die Gleich—
alterigen nennen sich alle mit Namen, die unserm Bruder und Schwester entsprechen,
die Jüngern reden alle Erwachsenen mit solchen an, die für uns Vater und Mutter
bedeuten. Auch Spuren einer Sippeneinteilung sind oft vorhanden, und damit sind
gewifse Schranken des Geschlechtsverkehrs verbunden, wie sie heute auch den rohesten
Stämmen nicht fehlen. Es sind die Schranken zwischen Eltern und Kindern, vor allem
zwischen Mutter und Kind, die zwischen Geschwistern, d. h. zwischen den Kindern derselben
Mutter, teilweise auch schon zwischen Vettern und Basen ersten und zweiten Grades.
War hierdurch eine beliebige Geschlechtsvermischung schon in frühester Zeit aus—
geschlossen, so blieb allerdings häufig der Verkehr zwischen denen, welche nicht unter
dem Verbote standen, um so freier. Aber die Auswahl konnte in kleinen Horden von
20 bis 100 Personen nicht groß sein. Daher sehr früh die Sitte, aus nahen, verwandten,
sprachgleichen Nachbarhorden sich ein Weib zu holen, was die Mannesherrschaft in der
Geschlechtsgruppe befestigte. Die Nachbarhorden wurden so verknüpft, konnten, wie
erwähnt, zu einem Stamme zusammenwachsen. Und es konnte nun die Scheu vor bluts—
nahen Geschlechtsverbindungen leicht dahin führen und hat bei unzähligen Stämmen dazu
geführt, daß die bisher getrennten Horden sich als Sippen eines einheitlichen Stammes
fühlten und jeden Geschlechtsverkehr innerhalb der Horde oder Sippe verboten. Das
Princip der sogenannten Exogamie, d. h. der Zwang für alle Stamms oder Sippengenossen,
die geschlechtliche Verbindung in der Nachbarhorde, im Nachbarstamme, beziehungsweise
in den anderen zum Stamme gehörigen Sippen zu suchen, war damit entstanden. Es
ist das einer der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der Familienverfafsung, es
ist der Keim aller bis heute dauernden Verbote der Verwandktenheiraten; in tausend—
fältiger Verschiedenheit haben es alle nachfolgenden Generationen ausgestaltet. Ohne
solche Schranken hätte ein gesittetes Familienleben nie sich bilden und erhalten können.
Wie die Furcht vor Incest (Begattung von Eltern und Kindern), vor der Ge—
schwisterehe, vor der Blutsmischung zu naher Verwandter, vor der Endogamie oder
Inzucht überhaupt nach und nach entstanden sei, ist eine der großen Kontroversen der
urgeschichtlichen Forschung. Wir können auf sie nicht eingehen. Wir konstatieren nur,
daß solche Schranken offenbar schon in frühester Zeit sich zu bilden begannen; wir müssen
annehmen, daß sie aus Instinkten und Gefühlen heraus entstanden, vielleicht zusammen—
hingen mit der dämmernden Einsicht in die natürlichen und moralischen Folgen des
Incests und der blutsnahen Geschlechtsverbindung; sie waren das Mittel, den Geschlechts—
trieb im engsten Kreise zu bändigen, die getrennten Sippen zu verbinden. —
Wo die Nahrungsgewinnung eine leichtere war, die Menschen in etwas größerer
Zahl leichter beisammen bleiben konnten, wie bei begünstigten Fischervölkern und den
Rassen, die in südlichem Klima, auf gutem Boden den Hackbau erlernt hatten, da mußte
das Stammes- und Geschlechtsleben ebenso anders werden wie die Wohn- und Wirt—
schaftsweise. Da erwuchsen die Stämme und Völker, aus denen die späteren Kultur—⸗
völker hervorgingen, die also für die ganze Entwickelung der Menschheit, ihrer Kultur
und ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen eine ganz andere Bedeutung haben, als die
zersprengten, isoliert lebenden Jäger, von denen wir bisher redeten. Die Betreffenden
find teilweise schon seßhaft, bilden Stämme von einigen hundert, ja taufend Seelen, sie
zerfallen fast alle in Sippen, wohnen in Dörfern zusammen, haben Sippen- und
Stammeshäuptlinge, kämpfen mit ihren Nachbarn. Sie haben in weiter Verbreitung
und stärkerer Ausbildung die eben geschilderten Schranken gegenüber dem Incest, der
Geschwisterehe, der Endogamie. Ihre Familienverfassung muß aus der der primitiven
Jäger hervorgegangen sein; aber sie ist bei vielen doch zu Einrichtungen und Gepflogen—
heiten gekommen, welche von den eben geschilderten wesentlich abweichen. Sie sind wegen
ihrer größeren Kompliziertheit schwerer zu verstehen als die der primitiven Jäger und
haben deshalb und durch unvollkommene Beobachtung zu viel Irrtum Anlaß gegeben.
Näheres Zusammenwohnen, bessere Ernährung, sociale Differenzierung, wirtschaft—
liche und kulturelle Fortschriste überhaupt werden stets zunächst leicht zur Verstärkung