Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Der psychologische Ausgangspunkt der Klassenbildung und Klassenhierarchie. 3983

Eine große beschreibende und untersuchende Litteratur hat seit hundert Jahren die
Grundlage zu einer empirischen Klassenlehre gelegt, hat uns über die Einwirkung der
Arbeitsteilung, des Berufes, der Erziehung, der Besitzverteilung auf die Klassenbildung
große Materialien geliefert, hat uns jedenjalls gezeigt, daß, was auch die wesentlichen
Ürsachen der Entstehung sein mögen, innerhalb jedes größeren Volkes die Klassenbildung
gleichsam Spielarten des Volkscharakters, verschiedene Typen der körperlichen und geistigen
Konstitution schaffe, die durch Generationen hindurch sich erhalten, trotz des Wechsels
der einzelnen Glieder durch Leben und Tod, durch Eintritt und Austritt.
Wir können vor allem heute eines klar übersehen, nämlich, daß psychologische
Ursachen einfacher Art eine solche sociale Gruppenbildung erzeugen, sobald in einer
größeren Gesellschaft die einzelnen Glieder eine erhebliche Verschiedenheit erreicht haben.
Sei die Ursache der Verschiedenheit nun, welche sie wolle, die Verschiedenheit trennt, die
Gleichheit verbindet. Die gleichen oder nahestehenden Interessen, Gefühle, Vorstellungen
und Ideen erzeugen eine Gruppenbildung; gewisse Gedanken treten über die gemeinsame
Schwelle des Bewußtseins und geben den Kitt. Die gleichen Autoritäten beherrschen
die Gleichen. Das Bedürfnis nach Anerkennung läßt sich in einem solchen Stadium der
gesellschaftlichen Entwickelung für die Mehrzahl am leichtesten im Kreise der Berufs—
genossen befriedigen; es entsteht die Standes- und Berufsehre, die wichtigste Wurzel
aͤller Klassenbildung. Indem der einzelne in seinem Selbstgefühl von der Achtung der
Standesgenossen abhängig wird, steigert sich das Gefühl der Zugehörigkeit zur socialen
Gruppe.“ Derartige Anlehnung wird dem einzelnen um so mehr Bedürfnis, je größer
die Volksgemeinschaft geworden, je mehr in ihr die älteren kleineren Unterabteilungen,
die Geschlechts- und Ortsverbände dem Individuum nicht mehr die erwünschte pfychische
Anlehnung und materielle Hülfe in mancherlei Lebenslagen bieten. Es handelt sich um
psychologisch-sociale Bande, welche die einzelnen erst lokal, dann in immer weiterem
Umfange, ursprünglich nur mit einem dunkeln, halb unbewußten Gemeinschaftsgefühl
umschlingen, die bei höherer Kultur je nach dem Maße der Verständigung, des wachsenden
Bewußtseins, des Gegendruckes von außen, des Kampfes um die speciellen Interessen
und der sich vollziehenden äußeren bündischen oder Vereinsorganisation bis zum
schroffsten, exklusivsten, härtesten Klassen- und Standesgeiste sich steigern können.
Ebenso notwendig aber wie die Klafsenbildung scheint die Herausbildung einer
Klassenordnung, einer Hierarchie der Klassen zu sein. Und zwar nicht bloß, weil bei
den meisten großen Fortschritten der Klassenbildung die eine Gruppe emporsteigt, die
andere in ihrer Lage bleibt oder sinkt, nicht bloß, weil Klassenbildung stets Macht—
verteilung ist, meist herrschende und beherrschte Klaffen erzeugt. Das wirkt ja mit und
spielt zeilweise eine große Rolle, aber die Erscheinung wird noch durch eine allgemeinere
psychologische Thatsache erklärt, die selbst eine Hauptursache der verschiedenen Macht-,
Vermögens- und Kinkommensverteilung und der daran sich schließenden Rechtsbildungen
ist. Wir meinen die Notwendigkeit für das menschliche Denken und Fühlen, alle
zusammengehörigen Erscheinungen irgend einer Art in eine Reihe zu bringen und nach
ihrem Werte zu schätzen und zu ordnen. Wie jeder Mensch in seiner Familie, in feinem
nächsten Kreise geschätzt wird nach dem, was er durch seine Perfjsnlichkeit, feinen Besitz,
seine Leistungen diesein Kreise ist, so hat zu allen Zeiten die öffentliche Meinung die
arbeitsteiligen Berufsgruppen und -klassen des ganzen Volkes nach dem gewertet und
in ein Raugverhältnis gebracht, was sie dem Ganzen der Gesellschaft waren oder sind.
Natürlich je nach den Zeitvorsiellungen über das, was in sittlicher, politischer, praktisch—
wirtschaftlicher Beziehung das für die Gesellschaft Wertvollere ist. Die Maßstäbe können
die allerverschiedensten, berechtigten und unberechtigten, rein äußerlichen oder tief in das
Wesen dringenden sein. Nesfield hat uns gezeigt, daß der Rang der indischen Kasten
vor allem auf dem Alter der Beschäftigungen beruht; alle später entstandenen Berufe
pflegen höher zu stehen. G. Simmel haät nachzuweisen gesucht, daß die unteren Klassen
überall mehr eine ältere Zeit mit unentwickelterer Individualität, mit minderwerten
Eigenschaften repräsentieren, daß die höheren Eigenschaften und die größere Leistungs—
fähigkeit der oberen Gesellschaftsschicht mit ihrer Specialisierung und Individualisierung
            
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