Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Außerungen und Begründungsversuche der Klassenordnung. 395

oder jene Arbeit nicht oder nicht vor anderen verrichtet (wer seiner Zeit in der Weber—
stadt keine blauen Nägel hatte und damit zeigte, daß er nicht in die Färberküve gegriffen
hatte), der gehört zur höheren Klaffe.
Am sichersten wurden die Klafssengegensätze befestigt, wenn sie in der Phantasie
der Betreffenden als göttliche Einrichtung sich darstellten. In Mikronesten ist es dem
Adel gelungen, nicht nur, was ja auch sonst allgemein vorkommt, die verstorbenen
Häuptlinge zu Göttern zu machen, sondern die Lehre zu verbreiten, daß die unteren
Klasffen keine Seelen hätten, nicht ins Paradies gelangen könnten. Die indische Kasten—
lehre baut sich auf dem Satze auf, daß die Priester aus dem Munde, die Krieger aus
den Armen, die Ackerbauer aus den Schenkeln, die schwarzen unteren Klassen anderer
Rasse aus den Füßen Brahmas stammten, daß alle Auflehnung gegen die Kastenordnung
mit unerschöpflich langen Strafen im Jenseits bestraft würde. Die deutsche Sage und
die Edda läßt die verschiedenen Stände durch den Geschlechtsverkehr des Gottes Heimdall
mit drei ganz verschiedenen Frauen entstehen. Daraus ließ man die Häuptlinge, die
Gemeinfreien und die Sklaven hervorgehen. Und diese naiv-resignierte, vom Glauben
an die Vererbung mütterlicher Eigenschaften ausgehende Auffassung erhält sich noch in
dem Märchen von den ungleichen Kindern Adams und Evas, welches dem 15. und
16. Jahrhundert angehört, welches Baptista Mantuanus, Hans Sachs, Agrikola und
Melanchthon wiederholen, um die Ungleichheit der Stände zu erklären und als göttliche
Einrichtung zu rechtfertigen. Längst waren freilich auf den Höhepunkten des geistigen
debens unter dem Druck unbarmherziger Klassenherrschaft auch die entgegengesetzten
Stimmungen lebendig geworden. Die großen Religionsstifter Buddha und Jesus haben
zie Gleichheit der Menschen vor Gott betont und in gewissem Maße zur Anerkennung
in den kirchlichen Gemeinschaften gebracht. Die Bauernprädikanten des 16. Jahrhunderts
hoffen teils auf eine künftige Gleichheit auf dieser Erde, teils darauf, daß Ritter und
pᷣfaffen zur Hölle fahren, die Bauern allein in den Himmel kommen. Der neuere
Socialismus hofft von der Vernichtung des Kapitalismus die Aufhebung der Klassen—
gegensätze, wie die französische Revolution sie von der politischen Freiheit erwartet hatte.
Der naiven älteren Resignation wie der bitteren neueren Auflehnung gegen die
Klassengegensätze wird in der Zukunft die wissenschaftliche Einsicht in die Notwendigkeit
der socialen Klassenbildung folgen müssen. Und mit ihr wird die Möglichkeit wachsen,
die Härten und Schäden zu mildern, die jeder Klassenbildung anhängen.
Die aufsteigenden socialen Klassen glauben immer leicht wieder im Namen der
Bleichheit aller zu handeln, wie von 1789-1850 das Bürgertum, heute die Arbeiterwelt.
In Wirklichkeit zerfiel das Bürgertum bald wieder in verschiedene Klassen, und die
Arbeiter erleben in der Gegenwart dasselbe. Das hindert aber, wie wir sehen werden,
gewisse Reformen, gewisse Nivellierungsprozesse bei den höheren Kulturvölkern nicht.
134. Die Hauptursachen der Klafsenbil dung: Rafsse, Berufs- und
Arbeitsteilung, Vermögens- und Einkommensverteilung. Die gefell—
schaftliche Klassenbildung hat natürlich-pfychologische und technisch-wirtschaftliche Ur—
achen, welche unabhängig von Staat und Recht sich geltend machen. Aber sie wirken
praktisch nur im Staat, innerhalb des Rechtes, der Schranken und Einrichtungen, so⸗
vie der großen sittlichen Gemeinschaftsprozefse, welche von der Gesamtheit ausgehen, die
Klassenbildung steigern oder mildern und modifizieren können. Wir sehen zunächst von
diesen modifizierenden Elementen ab, bleiben bei Rasse, Berufs— und Arbeitsteilung,
iowie Eigentumsverteilung.
Daß sie bestimmend auf die Klassenbildung einwirken, leugnet heute kaum jemand.
Aber über das Maß des Einflusses dieser drei Gruppen von Ursachen ist Streit und
muß Streit sein, weil es sich um unendlich komplizierte Vorgänge und Wechselwirkungen
handelt. Gobineau und seine Schule führen alle Klassengegenfätze auf die Rasse zurück:
Ale Aristokratien der Welt find indogermanisch, alle unteren Klassen haben Negerblut
in sich. Eine ebenso starke Übertreibung wie diese Lehre ist die der Socialisten, welche an
die Gleichheit der Menschen glauben, die Klassenbildung ganz oder überwiegend auf die
Vermögens- und Einkommensungleichheit zurücksühren. So Marx und jseine Schüler,
            
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