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394 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
zusammenhänge. Wie dem aber auch sei, was das Urteil der Menschen über einander
beherrsche, die wirkliche Einsicht oder der Schein der Dinge, die Leistung für die Gesell—
schaft oder der äußere sichtbare Erfolg derselben, wie z. B. der Besitz und die Standesabzeichen,
es muß in jedem Stadium der geistigen und wirtschastlichen Kultur eine
Rangordnung entstehen, und sie muß je nach dem Wechsel der Werturteile über Leistungen
und Erfolge wechseln. Lange Epochen hindurch erschien hier der Priester-, dort der
Kriegerstand als der erste; anderwärts ist es ein Amtsadel, später die Klasse der aus
diesem Stande hervorgehenden großen Grundbesitzer, wieder zu anderer Zeit und an
anderen Orten stehen die großen Kaufleute, die großen Bankiers und Industriellen voran.
Da die Ehre und Rangordnung der Gruppen etwas langsam Wachsendes ist, das im
Ldaufe der Generationen erkämpft, mit Energie festgehalten wird, so drückt sich häufig
in der jeweiligen Ordnung nicht die lebendige Wirklichkeit, sondern eine rückwärts liegende
Vergangenheit aus. Die Nachkommen tapferer Krieger behalten Wappenschilde, Titel,
bevorzugte gesellschaftliche Stellung lange, nachdem sie friedliche Krautjunker und Grund—
besitzer geworden; sie beanspruchen denselben Rang da, wo sie ihren alten Standesrang
durch neue Thätigkeit im Offiziers- oder Beamtenstand, in der ehrenamtlichen Selbstverwaltung
neu verdient haben, wie da, wo sie nur den Vergnüguugen und Lastern des
vornehmen Lebens, dem Weiber- und Pferdesport, dem Spiele und der Jagd, dem faden
Hofleben sich ergeben. Die schlichte Handarbeit hat man lange unterschäßt, heute sind
gewisse Theorien und Klassen teilweise geneigt, sie zu überschätzen. Die staatliche Gewalt
und ein fürstlicher Hof können durch Rangreglements, durch Titelverleihung, durch
Erteilung politischer Rechte die ganze sociale Rangordnung beeinflussen, ihre hieher
zehörigen Handlungen stehen aber dabei unter demselben psychologischen Gesetz wie die
jreie öffentliche Meinung selbst in der demokratischen Republik. Wenn in den Vereinigten
Staaten heute vor allem der Geldmacher und der Millionär geschätzt wird, so geschieht
es, weil es in der breiten Masse des Volkes noch an Verständnis für den Wert wifsen—
schaftlicher, politischer und anderer Leistungen als der des smart fellow im Geschäftsleben
fsehlt. Überall werden die Berufe und die Leistungen sowie die daran sich schließenden
Besitzgrößen und Besitzarten gewertet nach dem, was jeweilig in den entscheidenden,
ührenden, die öffentliche Meinung beherrschenden Kreisen als das Wichtigere, das für
das Vaterland Wertvollere gilt. Und da keine Zeit kommen wird, in welcher die
Thätigkeit des großen Ministers und die des letzten Bureaudieners, die eines Groß—
industriellen wie Werner Siemens und die des gewöhnlichen Fabrikarbeiters für gleichwertig
gelten, so wird auch nie eine gewisse Uber- und Unterordnung der Stände und Klassen
derschwinden. Wer da weiß, wie die gute Köchin auf das Hausmädchen, der Diener
im gräflichen auf den im bürgerlichen Hause, der gelernte Maurer und Zimmermann
auf den bloßen Handlanger herabsieht, wer da weiß, wie fest solche Rangordnungen in
Anschauung und Einkommen aller Beteiligten trotz alles heutigen Gleichheitsfanatismus
sich ausdrücken, der wird eine gewisse Hierarchie der Stände als eine psychologische
Rotwendigkeit aller Zeiten begreifen.
Wie die sociale Klassenbildung sich äußere, ist in vorstehendem schon gestreift.
Wir fügen darüber noch kurz folgendes bei. Wer zur selben Klasse gehört, nimmt, ob
er höheres oder geringeres Einkommen habe, im ganzen dieselben Ehren in Anspruch;
die Klassengenossen verkehren gesellschaftlich, verehelichen sich überwiegend in ihrer Klasse,
fie tragen gleiche oder ähnliche Kleider, haben ähnliche Gewohnheit des Essens, ähnliche
Sitten und Ceremonien in ihren Zusammenkünften, Spielen, Festen, fahren in derselben
Eisenbahnklasse. Die weitere Konsequenz ist, daß sie in älterer Zeit das gleiche Wehr—
geld, den gleichen Gerichtsstand hatten; Wahlrechte und viele andere Rechte stufen sich
entsprechend ab. — In Indien unterscheiden sich die Kasten wesentlich durch die ver—
schiedenen Speisen und Tiere, die den einen zu essen erlaubt, den anderen verboten ist.
Bis auf unsere Tage ist bei allen Völkern Sitte, daß nur die denselben Klassen An—
gehörigen an demselben Tische mit einander essen und ktrinken. Noch heute gilt überall
die Vornahme gewisser Arbeiten oder ihre Vermeidung als Zeichen der gleichen socialen
Würde: wer den Pflug nicht selbst führt, wer keine Last auf der Straͤße lirägt, diese