350 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
ich sehe Kraftwirkungen, die von Größenverhältnissen abhängig sind, die ich teilweise
messen kann; ich sehe Resultate, die das Ergebnis von Krastproben und Machtkämpfen
find, die bis auf einen gewissen Grad wenigstens mechanischer Betrachtung unterliegen
können. Ich sehe natürlich-technische und physiologische Vorgänge, die, jeder für sich
isoliert betrachtet, gar nicht als sittlich oder unfittlich, sondern nur als nützlich, geschickt,
zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnei werden können. Wir verden im
folgenden Grundrisse die natürlichen Kräfte und Größenverhältnisse der Volkswirtschaft,
den Einfluß von Natur und Technik, das Spiel von Angebot und Nachfrage, die mecha—
nische Wirksamkeit der Kräfte, foweit sie irgend faßbar ist, darzustellen suüchen.
Alle oder die meisten dieser Kraftäußerungen, soweit sie menschliches Handeln be—
kreffen, gehen nun aber zurück auf nicht bloß natürliche, sondern durch die geistige und
moralische Entwickelung umgestaltete Gefühle, auf ethisierte Triebe, auf ein geordnetes
Zusammenwirken natürlicher und höherer, d. h. wesentlich auch sittlicher Gefühle, auf
Tugenden und Gewohnheiten, welche aus dem sittlichen Gemeinschaftsleben entspringen.
Alle diese Kräfte sind bedingt durch die pfychischen Massenzusammenhänge, durch sittliche
— Willensimpulse, durch Moral,
Sitte und Recht, durch Religion und sittliche Leitideen oder Ideale. Das wirtschaftliche
Handeln ist also zwar nach seiner Naturseite ein technisch zweckmäßiges oder unzweck—
mäßiges und deshalb sittlich indifferentes, aber nach seinem Zusammenhang mit den
zanzen seelischen Kräften und der Gesellschaft ein sittlich normales oder anormales,
d. h. ein dem sittlichen Urteil unterliegendes und dadurch beeinflußtes. Natürliche
technische und fittliche Zweckmäßigkeit können sich unter Umständen in der einzelnen
Handlung wohl trennen, im Zusammenhang des menschlichen Handelns überhaupt sind
iie immer in loserer oder engerer Wechselwirkung; sie sind nur die unteren und oberen
Sprossen derselben Leiter. Das Wesen des Sittlichen besteht eben, wie wir schon sahen,
in dem nie ruhenden Prozeß, der die niedrigen Gefühle den höheren unterordnet, der
die Körper- und Geisteskräfte in einheitliche Harmonie bringen, die menschlichen Lebens⸗
zwecke in die richtige Über- und Unterordnung, die einzelnen Menschen den Zwecken
und Einrichtungen der Gesellschaft einsfügen und immer das Niedrige in den Dienst des
Höheren bringen will. In jedem zusammenhängenden Ganzen (und' das ist jeder Mensch
und jede Gesellschaft) haben die Teile nie ein ganz selbständiges Leben; jeder hängt vom
anderen ab, kann nur richtig funktionieren, wenn die Nachbarn und daß Ganze gefsund
find, wenn alle Teile richtig ineinander greifen, in richtiger Neben⸗-, Unter⸗- und über—
ordnung sind. Das Sittliche will diese Ordnung im Judividuum und in der Gesellschaft
herbeiführen, die einzelnen erziehen, die sympathischen Gefühle ausbilden, das rechte
gesellschaftliche Zusammenwirken herbeiführen. Und die Kräfte, welche im Individuum
und der Gesellschaft dahin wirken, nennen wir die sittlichen, obwohl sie ihre natürliche
Unterlage haben, mit natürlich-technischen Mitteln wirken, durch den natürlich⸗technischen
Mechanismus der Volkswirtschaft bedingt sind. Sie find es, welche die Triebe zu
Tugenden, die Menschen zu Charakteren, die Gesellschaften zu harmonisch und geordnet
wirkenden Gesamtkräften machen. Und die Volkswirtschaft sollte dieser Kräfte entraten
können?
Schäffle führt aus, das Ideal socialer Mechanik sei die Zusammenordnung zahl—⸗
reicher menschlicher Kräfte in der Art, daß die Bewegungen jeder einzelnen mit einem
Minimum von Verlust an eigener Kraft und unter min maler Störung aller anderen
Bewegungen stattfinde; es musse eben durch Moral, Sitte und Recht eine Koordination
der Kräfte eintreten; das Gaußsche Grundprincip der Mechanik gelte so auch für die
Gesellschaft. Durch die Sprache, die Nachahmung, die Erziehung, die gegenseitige An—
passung, die Herrschaft der sittlichen Ideen und Einrichtungen entsteht eben die Moglich—
keit gesellschaftlich garmonischen Zusammenwirkens; alle sittlichen Kräfte find auf dieses
Ziel hingerichtet; auch das wirtschaftliche Zusammenwirken der Menschen in jeder Familie,
jeder Unternehmung, auf jedem Markte, in jeder Gemeinde ist so von dieser koordi—
nierenden sittlichen Arbeit abhängig. Und ebenso das Zusammenwirken von heute auf
morgen, von verschiedenen Generationen, die sich folgen.