Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Natürliche und sittliche Kräfte; Institutionen und Organe. 61 
Indem der Niederschlag aller sittlichen Arbeit vergangener Zeiten durch Gewohn— 
heit und Erziehung, durch die bestehenden Institutionen von Generation zu Generation 
überliefert wird, kommen alle natürlichen Kräfte der Volkswirtschaft nur innerhalb dieses 
Rahmens zur Geltung; bestimmen sie die etwaige Umbildung diefes gesellschaftlichen 
Rahmens mit, wirkt z. B. eine neue Technik auch sicher auf eine neue sociale und 
sittliche Ordnung der Volkswirtschaft, so wirken ebenso sicher die allgemeinen gefestigten 
ethischen Gedanken und Ideale der Sittlichkeit auf die Art, wie die neue Technik sich 
zu Gewohnheiten und Institutionen ausprägt. Jede Generation ruht auf dem geistig— 
sittlichen Schatze der Vergangenheit. Die Überlieferung dieses Besitzes, wie die Erziehung 
jeder jungen Generation und ihre Einschulung in die Sitten und Gepflogenheiten der 
Gesellschaft bilden eine der wichtigsten Funktionen der sittlichen Kräfte. Auch die ganze 
Volkswirtschaft ist nicht denkbar ohne diesen Erziehungs- und Einübungsprozeß. Die 
inder und jungen Leute werden im Interesse ihrer Zukunft und der Gesellschaft durch 
Vorbild, Unierricht, Gewöhnung, Strafe und Belohnung angeleitet, ihre natürlichen 
Triebe in gesellschaftliche umzuwandeln; sie müssen das ihnen zunächst Unangenehme 
mit Mühe erlernen, sich ihm durch Wiederholung anpassen; sie müssen gehorchen und 
arbeiten lernen, an Verträglichkeit, Zucht und Ordnung sich gewöhnen, sie müssen Kennt— 
nisse und Fertigkeiten erwerben; sie können es, weil die Jugend bildsamer ist als das 
Alter, weil jede Handlung Spuren in Geist und Körper zurückläßt, welche die Rückkehr 
ins selbe Geleise erleichtern. Ohne diesen Prozeß gäbe es keinen Fortschritt, auch keinen 
wirtschaftlichen. Er macht aus dem rohen Spiele natürlicher Kräfte den geordneten Gang 
sittlich harmonisierter, zu gesellschaftlichem Zusammenwirken brauchbarer Kräfte. 
Wir versuchen diese Wahrheit noch weiter zu beleuchten, indem wir einige Worte 
über die gesellschaftlichen Institutionen und Organe, über den- Kampf ums Dasein, 
endlich über die Moralsysteme und die sittlichen Leitideen sagen. 
31. Die gesellschaftlichen Institutionen und Organe treten uns als 
das wichtigste Ergebnis des sittlichen Lebens entgegen. Es sind die Krystallisationen 
desselben. Aus den oben geschilderten psychischen Massenzusammenhängen, aus Sitte, 
Recht und Moral, aus den täglich sich ergebenden Berührungen, Anziehungen und Ab— 
stoßungen, aus den Verträgen und vorübergehenden Ineinanderpassungen ergeben sich 
dauernde Formen des gesellschaftlichen Lebens, welche den verschiedenen Zwecken der 
Besellschaft, vielleicht am meisten den wirtschaftlichen dienen. 
Wir verstehen unter einer politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen Institution 
eine partielle, bestimmten Zwecken dienende, zu einer selbständigen Entwickelung gelangte 
Ordnung des Gemeinschaftslebens, welche das feste Gefäß für das Handeln von Gene— 
rationen, oft von Jahrhunderten und Jahrtausenden abgiebt: das Eigentum, die Sklaverei, 
die Leibeigenschaft, die Ehe, die Vormundschaft, das Marktwesen, das Münzwesen, die 
Gewerbefreiheit, das sind Beispiele von Institutionen. Es handelt sich bei jeder In— 
sttitution um eine Summe von Gewohnheiten und Regeln der Moral, der Sitte und 
des Rechtes, die einen gemeinsamen Mittelpunkt oder Zweck haben, unter sich zusammen— 
hängen, ein System bilden, eine gemeinsame praktische und theoretische Ausbildung 
mpfangen haben, festgewurzelt im Gemeinschaftsleben, als typische Form die lebendigen 
Kräfte immer wieder in ihren Bannkreis ziehen. Wir verstehen unter einer Organ bildung 
die persönliche Seite der Institution; die Ehe ist die Institution, die Familie ist das 
Organ. Die socialen Organe sind die dauernden Formen der Verknüpfung von Personen 
und Gütern für bestimmte Zwecke: die Gens, die Familie, die Vereine, die Korporationen, 
die Genossenschaften, die Gemeinden, die Unternehmungen, der Staat, das sind die wesent— 
lichen Organe des socialen Lebens. 
Alle ältere Organbildung geht aus der Geschlechts- und Blutsgemeinschaft hervor: 
der Stamm, die Sippe, die Familie sind Organe, die ursprünglich alle Zwecke umfassen, 
aus denen durch Scheidung, Ablbsung und Differenzierung ein großer Teil auch aller 
späteren Organe hervorgehen. Die dauernden gemeinsamen Zwecke schaffen die Organe. 
Je höher die Kultur steigt, desto mannigfaltiger wird ihre Zahl und ihre Gestaltung, 
desto häufiger treten neben die gewordenen die gewillkürten Organe; aus tastenden Ver—
	        
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