Die Institutionen und Organe; ihre Beurteilung. 63
auf das andere. Ein Volk mit ausgebildetem Vereinsleben überträgt seine Gewohn—
heiten vom politischen auf das wirtschaftliche Gebiet; ein Militärstaat mit schärfster
Centralisation übernimmt auch auf wirtschaftlichem Gebiete Funktionen, die anderswo
der Aktiengesellschaft, dem Vereine, der Kirche anheimfallen.
Es ist das Verdienst Schäffles, die Grundlinien einer allgemeinen Lehre von den
socialen Organen gezeichnet zu haben, nachdem die ganze Entwickelung der Wissenschaften
von Staat und Recht, Gesellschaft und Volkswirtschaft seit den letzten paar Jahr—
hunderten erwachsen war unter einem heftigen Schwanken der Über- und Unterschätzung
der Institutionen und der Organbildung. Die Ansichten in dieser Beziehung gehen
freilich auch heute noch je nach den Partei- und Klasseninteressen, je nach den geschichts—
ohilosophischen Standpunkten auseinander.
Der Merkantilismus und die Kameralistik überschätzten die Möglichkeit, durch Staat,
Gesetz und Fürstenwillen alles neu zu ordnen und zu schaffen; selbst Moral und Recht
galten den ersten Denkern von Hobbes bis auf Friedrich den Großen als Produkte
ftaatlicher Anordnung: die Institutionen galten ihnen deshalb alles, das freie Spiel
der Individuen wenig. Die Aufklärung kehrte die Sätze um, und die liberale Doktrin
hält heute noch an diesem Vorstellungskreis fest: die individuellen Gefühle und Hand—
iungen, das freie Spiel der Verträge, das freie Vereinswesen und der Voluntarismus
werden gegenüber Staat, staatlichen Institutionen, festen und dauernden Organisationen
gerühmt; man fürchtet auf diesem liberalen Standpunkte, wie ihn z. B. Hartenstein in
seiner Ethik vertriti, daß bei jeder dauernden, festen Ausbildung von Institutionen die
einseitigen Interessen der Herrschenden zu sehr zu Worte kommen, daß jede Institution,
auch die zufällig einmal gelungene, rasch veralte, zum Hindernis für weitere Fortschritte
werde. Man beruft sich (Sir S. Maine) darauf, daß die Entwickelung der Gesellschaft
von Statusverhältnissen zu Verträgen führe, d. h. daß in älterer Zeit das Individuum
allseitig durch feste Institutionen gebunden, später durch ein System freier Verträge seine
Beziehungen zu anderen ordne. J
Der ältere Socialismus ist dann wieder zur Überschätzung der Institutionen und
absichtlicher Organbildung zurückgekehrt; er glaubt durch äußerliche Anordnung des
gesellschaftlichen Lebens sogar die inneren Motive alles menschlichen Handelns ändern
zu können. Die Hegelsche Philosophie, die im Staate die höchste Sittlichkeit sucht, und
andere konservative Strömungen haben, wie die neueste europäische Staatspraris, teils
alte Institutionen, wie die Zünfte, wieder günstiger angesehen und behandelt, teils
energisch für die Reubildung von Institutionen und Organen gekämpft. Die neueste
socialdemokratische Lehre verwirft ja den bestehenden Staat mit allen seinen Institutionen,
träumt entsprechend ihrem radikal-individualistischen Ursprung von einem freien Spiele
aller individuellen Kräfte; aber sie kommt mit dem ungeheuren Sprung, den auch sie
für das psychisch-sittliche Leben erwartet, doch zur Vorstellung einer absorbierenden Herr—
schaft öffentlicher Institutionen über alle private Willkür.
Der Streit ist im ganzen derselbe wie der im letzten Abschnitte erörterte über den
Fortschritt von individueller Freiheit und positivem Rechte. Die liberalen Individualisten
verwechselten die Abschaffung veralteter Institutionen mit der Beseitigung aller dauernden
Einrichtungen. Sie überschätzten die Gefahr der Erstarrung in allen Institutionen für
unsere Zeit. Die öffentliche Diskussion, der Kampf der Parteien und Parlamente, die
gesetzgeberische Materialsammlung und Vorbereitung der Gesetze in den Ministerien geben
heute wenigstens eine gewisse Garantie für eine flüssige und gute Neubildung. Und so
wahr es ist, daß neuerdings vielfach der Vertrag an Stelle von Institutionen getreten
ist, neue Organbildungen und sociale Einrichtungen sehen wir doch in Masse daneben
entstehen. Wir freuen uns, wenn sie der Entwickelung feste, sichere Bahnen weisen.
Es isi klar, daß die Institutionen, wenn sie segensreich wirken sollen, eine gewisse
Starrheit und Festigkeit haben müssen. Ihr Zweck ist ja, dem Guten, dem Lebens—
förderlichen, Zweckmäßigen die feste Form zu geben, die allein die Anwendung erleichtert,
die Erfahrungen der Vergangenheit fixiert, die Millionen abhält, die alten Mißgriffe
zu machen, sich ewig von neuem um dasselbe Ziel abzumühen. Offenbar liegt der