Die Leitideen und Ziele der verschiedenen Moralsysteme. 73
Die Moralsysteme, welche den Egoismus überhaupt oder den verfeinerten Egoismus
als Grundprincip predigten, haben sich in neuerer Zeit teils zu einer individuellen Glück—
seligkeitslehre, teils zu der Theorie erhoben, daß aller sittliche Fortschritt in dem Streben
bestehe, die größte Summe von Glück oder Lust für die größte Menschenzahl her—
zustellen; diese Ütilitätslehre, scheinbar von Christentum und idealistischer Moral so
weit entfernt, will in den Händen edler und feinfühliger Ethiker und Politiker im ganzen
dassfelbe. Sagt doch selbst Lotze: „alle moralischen Gesetze sind Maxrimen der allgemeinen
dustökonomie“. Auch die ideglistischen Systeme schmuggeln indirekt eine Glückslehre ein.
Die Wirksamkeit dieser realistischen Schule ist in der Gegenwart fast noch im Wachfen;
der ganze englische Radikalismus mit fseinen politischen und wirtschaftlichen Idealen ist
auf diesem Boden erwachsen. Aber freilich kann dieses Ideal der Glückssteigerung je
nach der Klaffifikation, nach der Einzeldarstellung und Ausführung der Lustarten sehr
derschieden sich gestalten und deshalb ebenso leicht zu irreführenden socialen Ideen, zu
einer falschen Ordnung der menschlichen Zwecke als zu einer richtigen führen. Auch
dem feinsten Theoretiker des Utilitarismus, J. St. Mill, ist es nicht gelungen zu
heweisen, daß seine Behauptung, es sei vorzuziehen, ein unbefriedigter Mensch, als ein
befriedigtes Schwein zu sein, allgemein geteilt werde und als Princip den fittlichen
Fortschritt beherrschen könne.
Die idealistischen Moralsysteme haben ihre Formeln und idealistischen Zweck—
gedanken aus der sittlichen und politischen Geschichte der Menschheit abstrahiert; ich
denne nur: die Hingabe des Menschen an Gott und an die gesellschaftlichen Gemein—
schaften sowie die Ausbildung der Persönlichkeit (mit der Selbstbehauptung und Berufs-
ruͤsbildung), die fortschreitende Vervollkommnung des einzelnen und der Gesellschaft, die
Ausbildung des Wohlwollens, des Mitleides, des sogenannten Altruismus, die Ideen der
Gerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit. Es sind Ideale und Zweckideen, welche
seit Jahrtausenden ausgebildet, auch in allen höheren Religionen im Mittelpunkte der
ethischen Betrachtung stehen, ja in allen Kulturmenschen einen wesentlichen Bestandteil
hres höheren Gefühlslebens, ihrer Pflichtbegriffe, ihres gesellschaftlichen Handelns bilden.
Ihre jeweilige Gestaltung in den leitenden Geistern, in der herrschenden Litteratur, in
den Strömungen der Zeit drückt dem praktischen Leben, vor allem auch dem volkswirt—⸗
schaftlichen und socialen, seinen Stempel auf; und zwar deshalb mehr als die noch so
seinen Überlegungen und Vorstellungen der Lustvermehrung, weil solche Ideale mit dem
Siege der höheren Gefühle siets an sich an Kraft gewinnen und zumal in bewegten
Zeiten die Herzen der Masse ganz anders erfassen, elektrisieren können als jene.
Ihre jeweilige praktische Einzelgestaltung erhalten diese Leitidern und Zweckideale
durch die natürlichen, technischen, wirtschaftlichen und socialen Zustände des betreffenden
Volkes; ihre innerste Natur aber liegt im sittlichen Wesen des Menschen und seiner
gesellschaftlich-historischen Entwickelung überhaupt; es sind Ideale, die vor Jahrtausenden
schon in derselben Grundrichtung wirkten wie heute, und wie sie in späteren Jahrtausenden
wirken werden. Es wird keine Zeit kommen, in der man nicht Billigkeit und Gerechtig—
eit, Wohlwollen und Hingabe an die socialen Gemeinschaften als Ideale anerkennen
wird. In ihrer allgemeinen Tendenz und Wirksamkeit sind diese Ideen das Höchste, was
im menschlichen Geiste existiert. Sie stellen auch die höchsten Kräfte der Geschichte und
der gesellschaftlichen Entwickelung dar. Sie werden immer als die Führer auf dem
Pfade des Fortschrittes dienen. Die großen Zeiten und Männer sind es, welche im
Kampfe für sie Reformen durchgesetzt haben. Das gilt auch für alle wirtschaftlichen
und socialen Reformen.
Aber das schließt nicht aus, daß daneben in ihrem Namen oft das Thörichtste
gefordert wurde. Jedes einzelne dieser Ideale drückt eine partielle Richtung der pfychisch—
aͤttlichen und gesellschaftlichen Entwickelung aus, ohne Maß, Grenzen, Gestaltung derselben,
Möglichkeit der Durchführung anzugeben. Jedes hat sich im praktischen Leben zu paaren
mit einem gewissermaßen entgegengesetzten Ideal: die Ausbildung des Individuums muß
sich der der Gesellschaft anpassen und unterordnen; die Selbstbehauptung muß sich mit
den Forderungen des Staates, die Freiheit mit der Ordnung des Ganzen vertragen.